Adventskalender:: Tür 3

Lykka tritt gegen die nächst neben ihr stehende Umzugskiste. Es rummst nur dumpf. Nichts geht kaputt. Der Kistenturm dahinter – kippt auch nicht um.
“Ich hasse diese Wohnung! Und diese komische Stadt! Und überhaupt – dieses Land! Warum sind wir hier?! Mama!”
Lykka ist 15 und lässt sich nicht mehr so einfach entwurzeln wie ihre beiden kleinen Brüder. Mama hat das Gefluche aus Lykkas Zimmer gar nicht gehört. Sie hat an ihrem Laptop den norwegischen Radiosender an, blechern und ziemlich laut. In der Kaffeemaschine stehen locker anderthalb Liter gebrüht, die wird sie über den Nachmittag noch trinken. Lykka nimmt sich eine kleine Tasse voll. Das darf sie eigentlich nur am Wochenende, aber Mama belässt es bei hochgezogenen Augenbrauen. Sie sitzt am Küchentisch, mit einem krummen Rücken, den Lykka aus Norwegen nicht kennt, über einem Berg Papiere. Aus dem Treppenhaus riecht es nach verbranntem Zucker. Einer der Nachbarn muss am Backen sein.
Lykka seufzt. Sie sehnt sich so sehr nach Hause zurück. Heute ist Donnerstag. Um die Zeit würde sie jetzt eine halbe Stunde am Ostfenster der Tromsdalen Kirke sitzen, eigentlich, um die Zeit für Hausaufgaben zu nutzen, bis ihre Orgelstunde anfangen würde. Aber die Hausaufgaben würde sie später im Bett erledigen, jetzt, diese halbe Stunde würde sie nur aus dem riesigen Glasfenster schauen, sich mit den Augen verlieren im Blau an Blau.
“Die Wiederkehr Lykkas …” murmelt sie, Mama kann es nicht hören. Mama ist versunken. Ohne dass es jemand merkt, füllt sie ihre Tasse mit der dicken, schwarzen Flüssigkeit nach und lässt drei Stücken Zucker abtauchen.

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  • Willkommen!

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    Hier schreibt Mirjam Nietz. Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern auf dem Brandenburger Land - einen Fuß breit in Berlin, ständigem Nordweh im Bauch und einer Hand an der heißen Kaffitasse.
    Schön dass du dir Zeit nimmst!