Adventskalender:: Tür 15

Rosi sieht die Post auf dem Stubentisch durch. Heinrich ist in seinem Ohrensessel eingenickt. Die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn, immer noch jeden Morgen frisch rasiert, auf die Brust gesunken. Sie tritt leise ans Fenster, kleine Flocken fallen aus dem Himmel. Sie hat es gar nicht gleich gesehen. Die Augen waren auch mal besser. Sie hört aber noch sehr gut. Den großen, aneinander geklammerten Lärm der Stadt, Fahrzeuge, Stimmen, Maschinen. Heinrichs tiefen Schlafatem. Was er wohl träumt? Sie will ihn wecken und mit ihm tanzen. Er schaut sie immer so schön an, wenn sie ihn aufweckt. Sie legt eine Schallplatte mit Weihnachtswalzern auf, die haben die Kinder ihr letztes Jahr geschenkt. Nachdem sie den CD Spieler, den sie ihr das Jahr zuvor geschenkt hatten, immer noch original verpackt im Karton gefunden hatten. Rosi grinst. So eine schöne Platte. Jetzt weckt sie Heinrich. “Darf ich bitten?”
Er schaut sie groß an. “Was, schon wieder Damenwahl?” Langsam steht er auf. Schnell geht bei ihnen schon lange gar nichts mehr. Wann war es vorbei, das Beeilen, das Rennen? Gab es einen letzten Tag? Sie kann sich nicht erinnern. Aber so lange sie mit Heinrich hier in der Stube tanzen kann…
Er stutzt. “Hör mal. Was ist das?”
Sie lauscht. “Kommt aus dem Treppenhaus.”
Sie gehen in den Flur, horchen hinter der Wohnungstür, die Ohren dicht am Holz. Eine Mädchenstimme, aber eine fremde Sprache.
“Da singt jemand ein Weihnachtslied. Soll ich die Tür aufmachen?” Heinrich hat die Hand schon am Türgriff.
“Ach nein, dann hört sie auf. Welche Sprache ist das?”
“Ich kann es nicht erkennen. Müssen die neuen Nachbarn sein.”
Rosi nickt. “Und die Dachwohnung ist wohl auch wieder bewohnt. Da kam schon ein Paket für die.”

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