Adventskalender:: Tür 24

Rosi bindet eine frische Kittelschürze um, steckt ein sauberes Taschentuch in die Seitentasche. Im Schlafzimmer ist es kühl. Sie legt die flache Hand an die kalte Scheibe. In der Küche klappert es. Anne bereitet das Weihnachtsessen vor, die beiden Enkelkinder decken den Tisch und tanzen mit jedem Teller einzeln in die Stube. Annes Mann kämpft noch mit der Lichterkette. Anne hat es sich nicht nehmen lassen, heute morgen einen echten Baum zu besorgen. Dabei mag sie ihren kleinen, künstlichen Baum. Mit den Jahren ein wenig struppig geworden, nun gut, aber Heinrich hat ihn ihr geschenkt, vor langer Zeit. Sie haben jetzt beide Bäume in der Stube nebeneinander aufgestellt. Ein Paar. Und was für eins. Sie fährt mit den Händen über ihr Haar, eine Strähne hat sich gelöst. Nächstes Jahr wird sie die langen, dünnen Flusen abschneiden lassen, dann ist aber wirklich Schluss. Sie hat den Dutt tatsächlich dem Enkelmädchen zuliebe immer noch hochgesteckt. Bei jedem Besuch sagt sie “Oma, wehe du schneidest deine Haare ab. Eine echte Oma muss einen Dutt haben.”
Gleich wird sie Heinrich im Krankenhaus anrufen und noch ein wenig mit ihm sprechen. Die Bibel liegt schon neben dem Telefon, sie wird ihm die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Wie jedes Jahr.
Aber erst wird sie das seltsame Paket hochbringen in die neu bezogene Wohnung. Wahrscheinlich ist der Abholzettel im Umzugschaos untergegangen. Sicher ist es ein Weihnachtsgeschenk, das kann sie schon machen, das Paket noch schnell hochbringen.
Rosi wirft sich einen Blick zu in der Fensterscheibe, der alten Frau da, die sie sein soll – auf einmal kann sie es sehen! Einen Lidschlag lang, ihr längst vergessenes Spiegelbild. 20 Jahre alt und auch Heilig Abend. Ihre Augen leuchteten mindestens so wie die Kerzen. Ihr Brautkleid hatte die Mutter genäht –
ZWei Tränen, die übrigen schluckt sie runter und greift sich das Paket im Flur.
“Luise, Dani, kommt ihr mit? Ich muss noch etwas oben abgeben?”

Die Kinder vom Haus haben alle den Zettel gelesen.
Heilig Abend 18 Uhr, hier. xxx
Ohne darüber gesprochen oder gestikuliert zu haben, auf Socken und leise, kommen sie nach oben. Die Wohnungstür ist wieder angelehnt. Diesmal schimmert ein Licht durch den offenen Spalt. Sie kommen alle gleichzeitig oben an. Lykka, Are und Nisse, Niklas, Mary, Marja und Jörg mit der ganz kleinen Lovis auf dem Arm. Die Mäusekinder warten versteckt in der dunklen Ecke. Sie werden sich gleich hinterher schleichen.
Da steht eine große Tanne, geschmückt mit brennenden Kerzen und kleinen roten Äpfeln. Daneben ist ein breites Sofa und auf dem Boden liegen ziemlich viele Kissen. Auf dem Sofa sitzt jemand und liest aus einem Buch vor. Seine Stimme ist leise und sehr schön. Er kommt Lykka bekannt vor und Niklas ist sich sicher, ihn schonmal gesehen zu haben.
“… Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Hügel sollen erniedrigt werden, und was krumm ist, soll gerade, und was höckerich ist, soll eben werden …”
Lykka denkt an Norwegens Bergkämme, an die Felsen, und die schmalen Straßen da durch. An dieses Haus hier, was ihr höher als der Fløya vorkommt. Kaum erklimmbar und wenn sie auf dem Gipfel steht, was kommt dann? Die Brüder, die Eltern, sie sind getrennt angekommen in diesem neuen Land, obwohl sie doch zusammen hergefahren sind. Es wird dauern.
Rosi lugt vorsichtig zur Tür herein, das Paket im Arm. Staunend sieht sie in die Runde. Niklas winkt sie zu sich aufs Sofa. Sie entdeckt die anderen Pakete unterm Tannenbaum.
“Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN…
Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Pumas bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.
Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Schlange.
Und es wird eine Straße dasein für den Rest seines Volkes, … und er wird abwischen alle Tränen.”

Trudi nickt, das hat sie schon einmal gehört, vor langer Zeit, und in einer anderen Sprache.
Mit einem Mal waren sie alle hier oben. Trudi schaut sich ihre Schwester an, quer durchs Zimmer, die auf dem Stuhl neben dem Weihnachtsbaum sitzt. Mit so viel Abstand sehen sie sich selten, die ganzen letzten Jahre nicht. Am Küchentisch sitzen sie über Eck nebeneinander, auf das Polstersofa in ihrer Stube passen sie beide bequem. Da fängt Golda ihren Blick auf und scheint dasselbe zu denken: Wann hab ich dir eigentlich das letzte Mal in die Augen gesehen? Und gewartet, auf das da ist?
Trudi lächelt. Alles ist ein Geschenk.
Niklas knurrt der Magen. Sicher haben das die anderen gehört. Er verschränkt die Arme vor dem Bauch. Aber er war doch so aufgeregt, er hat zum Frühstück gerade mal ein Butterbrot herunter bekommen. Keinen Löffel von Mamas Weihnachtssuppe, nicht mal einen Lebkuchen.
Hier riecht es so gut. Er muss sich mal die Augen reiben, vielleicht ist alles nur ein Traum? Aber nein, es kann nicht sein. Er riecht die Kerzen und die Äpfel, und auf dem Tischchen vor ihm steht ein großer Teller mit niedlichen, runden Brötchen, daneben ein Schälchen Frikadellen, und Berliner, auf denen der Zucker glitzert. Niklas fühlt sich wie in einem Märchen. Er sieht die anderen an. Alle sind da. Frau Schmitt, die beiden alten Schwestern, Mama und Papa stehen auch in der Tür und die Eltern von den Norwegern. Alle sind ganz still und lauschen der Stimme. Jetzt lächelt der Mann und klappt sein Buch zu. Keiner sagt etwas. Er beugt sich runter zu den Paketen, greift eins heraus und gibt es Niklas. Niklas spürt seine roten Wangen. Er strahlt und bringt kein Wort heraus. Er fühlt das Leben in sich.
Wer ist dieser Mann?

* * *

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4 Kommentare

  1. Pedi
    Am 24. Dezember 2017 um 07:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke!

  2. Iris
    Am 26. Dezember 2017 um 19:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wunderschön. Vielen Dank.

  3. Katrin
    Am 26. Dezember 2017 um 22:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wer ist dieser Mann???
    Tausend Dank für diese wunderschöne Adventsgeschichte! Sooo schön!

    Ich wünsche Dir und Deiner Familie schöne Nacht-Weihnachtstage!

  4. Anja Goetsch
    Am 1. Januar 2018 um 22:01 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vielen Dank ! diese Adventsgeschichte hat mir sehr gut gefallen !

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