Konstanzas Brotrinden

Konstanzas Brotrinden Zeichnung von Mini Blondie (2017)

Ich wohne bei meinem Opa. Meine Eltern sind für ein halbes Jahr im Ausland zum Arbeiten. Nein, nein! Ihr müsst kein Mitleid mit mir haben. Ich wollte lieber hier bleiben. Meine Eltern sehe ich fast jeden Tag. Wir telefonieren an Opas Computer. Mein Opa ist so toll. Er wohnt in der Wohnung unter uns und macht die besten Kartoffelpuffer der Welt. Wenn ich aus der Schule komme, rieche ich schon an der Straßenecke, wenn es welche gibt. Er brät sie in zwei Pfannen gleichzeitig, denn wenn es Kartoffelpuffer gibt, habe ich Bärenhunger. Ich schaffe einen ganzen Turm davon. Den Abwasch machen wir hinterher zusammen. Dabei erzählt Opa mir Endlosgeschichten.
Opa macht auch meine Pausenbrote und hilft mir mit den Hausaufgaben. Es ist richtig schön mit ihm. Aber wenn ich eins nicht mag, dann sind das die ollen Rinden an meinen Broten. Die lasse ich immer in meiner Box übrig. Opa zieht dann seine buschigen Augenbrauen hoch und sagt: “Konstanza, du hast schon wieder die Rinden nicht gegessen. Das gefällt mir aber gar nicht.” “Ach Opilein”, sage ich dann und er schüttelt nur seinen Kopf.
Heute ist Freitag. Opa hat mir versprochen, dass ich drei Schulfreunde mitbringen darf, zum Mittagessen. Sanne, Edda und Tobi. Wir wollen später zusammen einen Vortrag für Deutsch machen. Ich habe meinen Freunden schon die ganze Woche vorgeschwärmt, wie köstlich Opas Kartoffelpuffer schmecken. Sanne und Edda haben noch nie welche gegessen und Tobi kennt nur die aus der Tiefkühlpackung.
Komisch, an der Straßenecke duftet es noch gar nicht. Wir ziehen die Schuhe aus und ich gucke schnell in die Küche. Was ist das denn? Oh nein! Auf dem Tisch steht ein riesiger Berg mit getrockneten Brotrinden.
“Opaaa”, kreische ich. “Wo sind die Kartoffelpuffer?” Opa grinst und sagt: “Ich dachte, vielleicht wollen deine Freunde dir helfen, die Brotrinden aufzuessen. Sie sind jetzt herrlich knusprig.”
Oh Mann, das ist mir so peinlich. Sanne und Edda lachen schon und Tobi kramt in seinem Ranzen. “Ich hab auch noch Brotreste übrig” sagt er und packt seine Box auf den Tisch.
Opa räuspert sich. “Weißt du Konstanza, ich bringe es einfach nicht übers Herz, das Brot wegzuwerfen. Da ist Korn ausgesät worden und im Wind gewachsen, da ist Regen gefallen, und da wurde mit Maschinen bis spät in die Nacht geerntet. Die Ähren wurden gedroschen und gemahlen, und jemand hat Teig angerührt und Brote geformt. Da wurden Öfen geheizt und die Laibe gebacken. Jemand hat sie ins Regal geräumt und in die Tüte gepackt. Und ich habe sie schließlich bezahlt, in Scheiben geschnitten, mit Butter beschmiert und mit Käse belegt. So eine lange Geschichte hat das Brot hinter sich. Das darf nicht im Müll enden.”
Das klingt ja richtig poetisch. Opa hat Recht. Aber ich will jetzt trotzdem Kartoffelpuffer.
“Na gut, in Zukunft werde ich die Rinden essen. Ich finde auch, dass das Brot ein schöneres Ende bekommen soll. Aber Opa, bitte, wir haben solchen Hunger.”
“Können wir nicht irgendwas aus den Brotrinden machen?” fragt Tobi.
“Das ist eine prima Idee” sagt Opa. “Wir mahlen sie zu Bröseln und tun davon welche in den Kartoffelpufferteig. Wer kann denn Kartoffeln schälen?”
Ich drücke Opa ganz fest. “Opa, können wir auch mal Brötchen für die Schule kaufen?”

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