Geschichten

Als ich die blaue Rolle Faden fand

19. Mai 2019

Vielleicht war es im Winter, oder an einem grau bewölkten Frühlingstag. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich die blaue Rolle Faden fand. Aber ich weiß noch, dass ich von der Schule kam und hungrig war wie ein Wolf. Emil von der Bank hinter mir hatte mal wieder meine Brotdose geklaut und alles leer gefressen. Ich traute mich aber nicht, Mama was zu sagen, dann würde sie nämlich was unternehmen. Aber Emil hatte oft kein Schulbrot mit, keine Ahnung warum seine Eltern das nicht gebacken bekamen. So war er wenigstens satt und ärgerte die Mädchen nicht. Ich konnte ja zu Hause essen.

Trotzdem ging ich an diesem Tag so langsam wie nur möglich. Pisspottschritte. Im Ranzen lag die Mathearbeit mit der fetten Fünf drunter. Hättet ihr es geglaubt? Eine Fünf wiegt viel schwerer als ne Drei oder Vier. (Was ne Eins oder Zwei wiegen, weiß ich nicht, hab noch nie eine bekommen. Schätze mal, ungefähr so viel wie ne große Zuckerwatte.)

Mann das würde Ärger geben. Bei Dreien sagte Mama nichts, bei den Vieren holte sie scharf Luft, aber Fünfen, da platzte ihr alles, was so platzen konnte. Knallpeng!

Also zog ich meinen Zwanzigminutenweg in die Länge. Und da an der Straßenecke, wo Gestrüpp aus Haselnuss und Flieder ein altes Haus gefangen hielt, und ich den Gehweg studierte, fand ich die blaue Rolle Faden! Keine normale, die Mama bei ihrem Nähzeug hatte. Ne, eine richtig große Rolle mit dickem blauen Faden, so ein Blau, dass man sich als Weide für sommerliche Schäfchenwolken wünscht. Eine Nadel steckte auch drin.

Ich hob die Rolle auf, was denkst denn du, und fädelte ein Stückchen Faden ein. Sowas kann dauern. Ich musste eine Weile fummeln und den Faden abschneiden, damit er mir nicht wieder heraus rutschte.

Die Rolle lag so gut in meiner linken Hand! Bevor ich mir überlegen konnte, was ich damit alles machen würde, kam ich an einer verlorenen Pudelmütze vorbei. Na bitte! Die Bommel hing nur noch am allerletzten Faden. Mit vielen kleinen Stichen nähte ich die Bommel fest und setzte die Mütze auf einen Zaunpfosten. Fröhliches Wiederfinden.

Den restlichen Weg hielt ich Ausschau nach Dingen zum zusammen nähen. Das war lustig. Und schön. Die Fünf im Ranzen hatte ich fast vergessen. Jedenfalls war sie mir plötzlich egal.

Vor der Bäckerei kurz vor unserem Haus hingen Wimpel, von denen einer zerfetzt war. Ich nähte mit meinem blauen Faden ein wunderschönes Kreuzchenmuster drauf. Das würde eine Weile halten. Die Bäckerin freute sich bestimmt. Ich hüpfte die fünf Stufen hoch und stellte mich höflich in die Schlange. Zwei Leute waren vor mir dran. Und hab ichs nicht geahnt?! Der Dame vor mir baumelte der untere Knopf am Mantel. Ich tippte sie an die Hüfte und zeigte auf meine blaue Rolle Faden und auf ihren Knopf. “Ich mach das schnell”, sagte ich. Und bevor die Dame sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, war schon eingefädelt und angenäht. “Na du bist mir ja eine Flinke”, lachte sie. “Jetzt hast du dir mindestens ein großes Stück Kuchen verdient!” Ich glaube, ich wurde ein wenig rot, aber das passte ganz gut zu meiner blauen Rolle Faden.

“Einen Windbeutel bitte, vielen Dank”, sagte ich.

Wenn das mal nicht der beste Tag meines Lebens wurde.

Jetzt freute ich mich auf zu Hause, Fünf hin oder her. Alles, was bei Mama so platzen konnte, na das nähte ich einfach wieder zusammen. Wenn ihr versteht, was ich meine.

Und ohne meine blaue Rolle Faden verließ ich nie wieder das Haus. Das stand fest.

Only registered users can comment.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.