Geschichten

Das schwermütige kleine Fahrrad

16. Juni 2019

Beim kleinen Fahrrad war die Luft raus. Die Reifen pfiffen auf den vielen Löchern. Es ziepte an den Kratzern und die Schrauben klapperten überall. Zahnradschmerzen hatte es auch.
“Ich kann nicht mehr”, seufzte das kleine Fahrrad abgrundtief und lehnte sich an einen Fliederbusch.
“Kusch! Weg mit dir! Bist du denn noch bei Trost?”, kreischte der los und das kleine Fahrrad zuckte zusammen.
“Ich heirate heute! Wochenlang hab ich mich geschmückt. Siehst du das denn nicht?” Der Fliederbusch raschelte mit den strahlend weißen Blüten.
“Tschuldigung”, murmelte das kleine Fahrrad und schob ab. Es lehnte sich an den nächsten Zaun und ließ den Lenker hängen.
Ein Dompfaff flatterte zu ihm und setzte sich auf den Sattel. Er stimmte ein Lied an und das kleine Fahrrad wollte fast wieder fröhlich werden. Da kam die schwarze Katze mit den weißen Socken und machte einen Satz auf den Gepäckträger. Das kleine Fahrrad geriet ins Taumeln und der Dompfaff war fort. In Sicherheit. Und auf dem Sattel hatte er einen weißen Flatsch hinterlassen.
Das kleine Fahrrad rutschte am Zaun herunter und war sooo platt.
Da kam sein Freund.
“Da bist du ja, mein liebes Fahrrad! Wo warst du denn die ganze Zeit? Du siehst ja gar nicht gut aus”, rief er ihm zu.
“Ach,” murmelte das kleine Fahrrad, “ich war nur auf Achse. Dauernd war etwas zu tun. Immer musste ich herum!!! Kein Leerzeichen!!!flitzen und mich beeilen.”
Der Freund legte seinen Arm um das kleine Fahrrad und sagte: “Komm, ruh dich bei mir aus.” Und dann trug er das kleine Fahrrad nach Hause, mixte ihm ein Getränk aus Apfelessig und Schmieröl und sagte: “Hier, trink das aus, danach fühlst du dich wieder wie neu!” Er flickte die Reifen und wusch den Sattel mit warmem Wasser ab.
Und als es Abend war, saßen das kleine Fahrrad und sein Freund Lenker an Schulter vor dem Haus und warteten auf den Sonnenuntergang.
“Weißt du, wovon ich träume?” sagte das kleine Fahrrad. “Von einem neuen Anstrich, in blau. Und einer knallgelben Klingel!” Das kleine Fahrrad lächelte.
“Und weißt du, wovon ich träume?” sagte sein Freund. “Von einer Radtour bis ans Meer. Mit Picknick.”
Und genau so machten sie das auch.

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