Familie | Geschichten

Oma

27. Juni 2019

Und heute früh bist du gestorben.
Da steht das große NIE MEHR im Raum, gibt mir die Hand und mein Tag wird still, ganz still. Die Ringelblumen sind verblüht. Wann hast du wohl das letzte Mal eine gepflückt. Mit deinen rauhen Händen.
Ich hänge nasse Wäsche auf die Leinen. Der Zigarettenrauch, der ums Haus zieht, ist tröstlich, irgendwie. Komm rüber, Nachbar, heut rauch’ ich eine mit.
Alle sind ausgeflogen, der Tag gehört mir allein. Ich sage keinem was, ich bleibe an meinem Küchentisch sitzen. Pläne zerbröseln und wirken dumm und nichtig. Du. Wirst mein Buch nicht mehr lesen. Du. Warst nur ein einziges Mal in meinem Haus. Du. Warst so ein schwieriger Mensch.
Mit dir endet die Generation. Geboren 1921. Von gestern auf heute. Einfach so. Du hast es geschafft. Hast du?
Ach, unsere Zeiten sind nicht mehr schön zum Uralt werden. Hätt ich nur ein Lönneberga gehabt mit Hund und Hof und Wirtschaft, sechs Kindern und ‘ner Magd. Da wäre ein Platz für dich gewesen. Auf dem Küchensofa. Da hättest du sitzen können und deine harten Schalen wären abgefallen, mit der Zeit. Eine nach der anderen. Bis du die, die zu dir gehören plötzlich würdest sehen können. Und den Kindern, alle Nase lang mit lehmigen Schuhen durch die Küche springend, Märchen erzähltest; kleine Bergmanngeschichteln. Oder vom Wald und deiner Großmutter, die mit dem Korb auf dem Rücken Schokolade verkaufte. Die dein Anker war. Du würdest Brustkaramellen lutschen, nur noch ein paar Zahnstummeln im Mund haben und dann und wann in dich hinein lachen, weil dir irgendetwas von Früher einfiele. Das Schwammerllied. Eure Hutzenohmde in Leubsdorf.
Aber so war es nicht und wäre es nie gewesen. Dieses Bild bleibt ein Wunsch, ein ungestillter Sehnsuchtsort.
Unser gemeinsames Leben ist schon so lange zu Ende gewesen.
Irgendwie hab ich gewusst, dass dies dein letztes Jahr (ausgerechnet dieser verrückte Jahrhundertsommer) sein wird; und dennoch erwischt es mich heute mit zu viel Wucht. Mein Bauch hat mich im Stich gelassen – ich habe die letzten Tage nicht einmal klar an dich gedacht. Nicht für dich gebetet, mich nicht getraut dich anzurufen. Ach HERR, hättest du mir nicht einen Wink geben können? Hab gedacht uns bleibt noch Zeit, war mir sicher. Habs nicht ausgehalten in deiner Nähe mit deinen stillen Vorwürfen und deinem Missfallen, weil dir alles verkehrt war.
Hätte dich so gern noch mal zurückkehren gesehen in deinen Gedanken, zu frohen, leuchtenden Tagen. Zu blankem Staunen.
Wie du lachen konntest, dass keiner davon unangesteckt blieb. Wie bei unserer Hochzeit am Abend, als Ingo dich immer wieder lachen hören wollte und vom Stuhl kippte …
Was hat dir nur die Fröhlichkeit geraubt, die Wärme im Herzen so kalt frieren lassen? Der Krieg? Dein grausiger Vater? Die Bombennächte? Die Angst?
Dich in weißen Kleidern, barfuß und mit Butterblumenkranz im Haar – das muss es doch auch gegeben haben. Ein zerzauster Kuschelbär neben dem Kopfkissen, mit Salz im Pelz, weil er treuer Aufbewahrer aller heißen Kindertränen war. Nasse Küsse für deine Mamma, weil sie dir den allerschönsten Kuchen gebacken hat. Deine kleinen Ärmchen, die sich um den Hals des Vaters schlingen, und alles ist gut. Dein Bruder, Herz und Seele, beschützt dich vor den frechen Lausejungen.
Wie kann ein Ort, der der Wärmste und Sicherste sein soll, Familie, der Allerschlimmste werden.
Und heute früh bist du gestorben. Ich wäre so gern bei dir gewesen. Der Herr ist dein Hirte hätte ich dir ins Ohr geflüstert. Ganz, ganz leise. Jetzt sollst du in Erde, die nicht deine Heimat ist. Verlust zieht an jeder meiner Fasern. Meine Seele kann es nicht hinnehmen. Mein ganzes Leben warst du da. Deine Einmetervierundsiebzig in Kittelschürze und ewig blondem Haar. Deine Lebenskraft, dein Dasein konnten Vierhundert Kilometer mühelos überbrücken. Du hast es zu etwas gebracht; aus Nichts und Trümmern und mit unzähmbarem Willen. Hundert Hühner an dem einen Dorfende, die Schafherde am anderen, die Kuh, Opas Bienenhaus. Und was ich noch vergessen hab. Und dann der Garten, der eher ein Feld war und dein größter Stolz.  In den Scheiben der kleinen Laube hat sich so gern das Abendgold versteckt, wenn ich da mit Opa saß und du noch am Gießen und Wettern warst. Johannisbeeren, Tomaten, Bohnen. Vierzig, fünfzig Reihen Erdbeeren, alle umliegenden Bäckereien wurden beliefert. Himbeeren bis zum Horizont. Das Wort Pracht ist lange nicht übertrieben. Dein Garten konnte Preise gewinnen, und Herzen verlieren. Da mussten alle mit ran, da wurden mit Vogelmiere und Ackerschachtelhalm auch Kindheiten mit ausgerissen. Da wurde aller muss in Stein gemeißelt. Und dir war immer heiß. Sommers wie Winters, das Kammerfenster offen. Dein innerstes Brennen, du konntest nichts dafür. Heinrich, der Kleine. Johanne, die Große.
An dir ist eine Herrscherin verloren gegangen. Diese Bürde, diese Kraft trage ich mit in meinem Gepäck.  Hab rote Schwedenclogs gekauft, damit bin ich bald so groß wie du. Und muss neu laufen lernen.
Ich war so gern in deiner Wohnung. Ich war so gerne Kind. Immer kamen wir im Dunkeln an, immer gab es Ardeppelsalat mit Würstchen und Apfelsaft, in den guten Gläsern.
Wie hat das herrlich gerochen bei dir. War es die Mischung aus frisch gewischtem Linolium und gekochten Kartoffeln, (deine Küche, nie ohne gekochte Kartoffeln), Eierschecke und Ringelblumentee?
Im Flur der immerwährende Kalender aus weinrotem Leder, an dem wir morgens das Datum eins weiter schoben. Manchmal auch paar Tage vor oder zurück. Das Telefon auf dem Schränkchen, das du mit als Erste im Dorf hattest. Ich kann es nicht mehr klingeln hören. Ich weiß noch, wie das Treppenhaus sich anfühlte, die abgelaufenen Stufen, das holzige Geländer. Der Geruch auf dem Boden! Leinenweise getrocknete Brennesseln, Lindenblüten, immer wieder Ringelblumen. Staub und Rohholz von den abgeteilten Gattern, ordentlich von jedem Mieter mit Schlösschen verriegelt. Meine Schwester und ich träumten da oben von einem Gemeinschaftsraum mit Sofaecke und Billiardtisch; als ob!
Wie oft stillten wir unsere NEUgier und linsten durch die Lattengitter in die anderen kleinen Leben.
Wer im Gebirge lebt, ruft den niemals das Meer? Die  wilde, weite, äußerste Welt? Deine tiefste Sehnsucht, hat die nicht mehr geflüstert, als alles in Ordnung, im Trocknen zu haben?
Und wenn du am Ende alles zusammen rechnest, was ist dann die Summe eines Lebens.
Grau gewordene Dibbeln und das gute, nie benutzte Porzellan. Tapete überm Sofa, die nicht dreggsch geworden ist, und die doch nur abgerissen wird. Zwei prallvolle Schatzkeller, über Nacht heißen sie Plunder. Alles löst sich auf, in Zeitlupe bist du zerfallen.  Güte und Barmherzigkeit sollen dir folgen, dein Leben lang.
Dann und wann sind sie dir vom Weg abgekommen.
Nichts war umsonst aber so vieles hätte ich dir auf die leichte Schulter gewünscht.
Es bleiben: das bestimmte, hochgerechte Kinn, die Schwippbögen. Dein Nussknacker, der im Seidenpapier schlummert. Die Erzgebirgsweihnacht, und ich hör Opas Stimme dazu singen. Kummt Bargbrüder. Deine feste Zuversicht. Ich weiß dass dein Erlöser lebt. Die Stollenkartons für uns Schwestern, gefüllt mit Geschenken und oben drauf ein Tannenzweig. Im Karton für die Eltern wirklich ein Stollen, nach deinem Rezept, zehnfache Menge, vom Bäcker abgebacken. Jede Menge Sehnsucht. Und auch ein Tannenzweig.
Vielleicht hast du ja doch vor dich hin gesummt beim Packen und Verschnüren, auf dem Weg durch Tiefschnee, mit dem Handwängel zur Post. Hast der Postfrau mit Adlerblick auf die Finger geschaut, dass sie ja sorgsam dein Paket nüber trägt.
Deine Handschrift ist versiegt. Da wird kein Brief mehr kommen.
Selbst der Winter kommt nur zögerlich. Natürlich frierst du nicht in der kalten Erde. Oma, mene Gudste, frierst du auch wirklich nicht?
Im Frühjahr pflanze ich Ringelblumen um deinen Stein. Ringelblumen und Walderdbeeren.
Und heute Abend, wenn es Nacht wird, lege ich die Schallplatte auf. Die Bergglocken läuten nur für dich. Bis zum Wiedersehen. Und bitte, komm mir dann entgegen, mit einem Kranz aus Butterblumen.

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