Geschichten

Mangold Fuchs

Irgendwo bei den großen Buchen, nicht weit weg vom Fluss, den die Leute Merrimack River nennen und in dem die schnellen, leckeren Fische schwimmen, genau da ist ein Fuchsbau. Der kleine Mangold lebt dort mit seinen beiden Fuchsenbrüdern. Ihr Bau ist gut versteckt und ganz gemütlich. Wenn Mangold früh noch im Bett träumt, brutzelt Mama schon Bratkartoffeln, Eier oder Mäusespeck in der schwarzen Pfanne. Und manchmal darf Mangold im Schlafanzug frühstücken.
Eine Sache ist an ihm ganz besonders. Auf seinem Rücken hat er einen großen, gelben Fleck. Das nervt ihn manchmal. Immer, wenn seine Fuchsenbrüder Langeweile haben und ihn ärgern. „Ey, du musst dich mal waschen! Am Rücken!“, rufen sie dann, und lachen sich schlapp. Oder sie singen: „Fettfleck im Fell, wasch dich schnell!“ Wenn sie richtig gemein sind, brüllen sie „Dreckfuchs, Fleckfuchs!“ und kugeln sich dabei durch die Wiese.
Mangold bleibt immer cool und streunt dann zum Merrimack River, wo er seine Ruhe hat. Er sortiert die Steine am Ufer oder versucht, einen von diesen schnellen Fischen zu fangen.
Wenn er mit hängender Rute nach Hause kommt, sagt Mama zu ihm „Mein Mangold, du bist ein ganz besonderer Fuchs. Ich bin so froh, dass du deinen gelben Fleck hast. Die Sonne selber hat da einen Strahl drauf gemalt. Und wenn sie mal nicht am Himmel scheint, brauche ich nur dich anzuschauen.“ Dann macht Mama ihm einen schönen Eierkuchen mit Rosinen, den er auf seinem Bett essen darf.
Einmal ist Mangold wieder am Fluss und entdeckt etwas Seltsames. Zwischen Sand und Steinen liegt ein Haufen roter Pulverstaub. Mangold probiert es mit der Pfote. Igitte, es schmeckt scheußlich. Und geht nicht mehr ab. Das muss Farbe sein. Bevor er weiter darüber nachdenken kann, rollt er sich mit seinem Rücken darin herum, lange und gründlich.
Juchuu, denkt er, ich bin den blöden Fleck los. Er versucht sich im Fluss zu spiegeln, aber der strömt so schnell. Ich muss eine Pfütze suchen. Aber es hat schon ein paar Tage nicht geregnet, keine Pfütze zu finden.

Als es Zeit fürs Abendessen ist, schnürt er mit gespannten Augen in den Bau. Ob die Anderen etwas merken? Es juckt ein bisschen am Rücken.
Seine Mama sieht ihn komisch an, dann schaut sie zu seinen Brüdern, die schon am Tisch sitzen. Dann guckt sie wieder zu ihm. „Nanu, wie siehst du denn aus? Hast du im Schlamm gespielt? Oder bist du gar nicht mein Mangold?“
„Was denn Mama, ist mein Fleck weg? Das gibts ja gar nicht.“ Mangold wäscht sich die Pfoten und versucht, nicht zu grinsen, als seinen Brüdern die Schnauzen offen stehen.
Später im Bett sagt er seiner Mama glücklich Gute Nacht. Einschlafen kann er lange nicht. Ihm juckt der Buckel wie verrückt.
Am nächsten Tag spielen alle zusammen Verstecken. Noch nie hat Mangold so gute Verstecke gefunden. Es ist schwer für seine Brüder, ihn zu finden. Bald wird ihnen langweilig. Sie wollen sich nicht anstrengen. Als Mangold sich wieder versteckt, schleichen sie heimlich davon. Lange hockt er in seinem Versteck und wundert sich. Beim Stillsitzen juckt der Pelz noch schlimmer. Endlich kriecht er aus dem Erdloch hinter einem Haufen abgebrochener Äste. So ein schönes Versteck. Sogar ein Fliegenpilz zum Schreck wächst daneben. Weit und breit ist niemand mehr. Warum sind seine Brüder so blöd? Jetzt ist er endlich diesen Fleck los und trotzdem klappt es nicht. Mangolds Magen rumpelt. Mama macht heute Dampfklöße, die isst er so gern. Aber er hat keine Lust auf zu Hause. Er läuft tief in den Wald hinein. Leere Bucheckern knacken unter seinen Pfoten. Aller paar Bäume bleibt er stehen und kratzt sich an der Rinde. Ach, wie das juckt.

Die Sonne ist auch weit gewandert. Mangold ist müde. Er kehrt um.
Plupp. Plipp. Plupp. Dicke Regentropfen treffen ihn zwischen den Ohren. Es werden immer mehr. Es schüttet nur so, wie aus Kübeln. „Zapfmist, so ein oller Zapfmist!“ schimpft Mangold. Er flitzt jetzt wie ein roter Blitz, trotzdem ist er sofort klatschnass. Aber ahhh, das Jucken hört auf. Was für ein angenehmes Gefühl man auf dem Rücken haben kann.
Vor dem Fuchsbau schüttelt er das Wasser aus dem Pelz. Mama steht schon im Eingang und erwartet ihn.
„Wo hast du dich denn rumgetrieben?“ fragt sie und zieht die Augenbrauen hoch. Das ist nicht gerade Mangolds Lieblingsblick. „Im Wald“, sagt er nur und zuckt mit den Schultern. Mama rubbelt ihn mit einem Handtuch ab.
„Wenigstens bist du wieder schön sauber“ sagt sie und streichelt über Mangolds Rücken. Die rote Farbe ist rausgewaschen und der gelbe Fleck leuchtet wie neu.
„Bitte nicht“, winselt Mangold, „ist der Fleck wieder da?“
„Ein Glück ist er wieder da“ sagt Mama. „Ich habe ihn schon vermisst. Komm, ich habe dir Dampfklöße aufgehoben. Mit heißer Butter.“
Wie das aber heute gut schmeckt! Mangold schleckt sich die Schnauze und schielt zum Topf auf dem Herd. Der Deckel ist drauf. Ob da wohl noch ein letzter Dampfkloß übrig ist?
„Mama, das ist komisch. Die Fuchsenbrüder ärgern mich mit und ohne Fleck. Ich versteh das nicht.“

Mama nickt. Sie könnte ihm sagen, dass es ganz einfach ist. Die Fuchsenbrüder hätten in Wirklichkeit auch gern so einen gelben Fleck. Nur das würden sie im Leben nicht zugeben.
Aber sie strubbelt ihm nur zärtlich den Kopf und sagt “Na los, einer ist noch im Topf.”

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Als ich die blaue Rolle Faden fand

Vielleicht war es im Winter, oder an einem grau bewölkten Frühlingstag. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich die blaue Rolle Faden fand. Aber ich weiß noch, dass ich von der Schule kam und hungrig war wie ein Wolf. Emil von der Bank hinter mir hatte mal wieder meine Brotdose geklaut und alles leer gefressen. Ich traute mich aber nicht, Mama was zu sagen, dann würde sie nämlich was unternehmen. Aber Emil hatte oft kein Schulbrot mit, keine Ahnung warum seine Eltern das nicht gebacken bekamen. So war er wenigstens satt und ärgerte die Mädchen nicht. Ich konnte ja zu Hause essen.
Trotzdem ging ich an diesem Tag so langsam wie nur möglich. Pisspottschritte. Im Ranzen lag die Mathearbeit mit der fetten Fünf drunter. Hättet ihr es geglaubt? Eine Fünf wiegt viel schwerer als ne Drei oder Vier. (Was ne Eins oder Zwei wiegen, weiß ich nicht, hab noch nie eine bekommen. Schätze mal, ungefähr so viel wie ne große Zuckerwatte.)
Mann das würde Ärger geben. Bei Dreien sagte Mama nichts, bei den Vieren holte sie scharf Luft, aber Fünfen, da platzte ihr alles, was so platzen konnte. Knallpeng!
Also zog ich meinen Zwanzigminutenweg in die Länge. Und da an der Straßenecke, wo Gestrüpp aus Haselnuss und Flieder ein altes Haus gefangen hielt, und ich den Gehweg studierte, fand ich die blaue Rolle Faden! Keine normale, die Mama bei ihrem Nähzeug hatte. Ne, eine richtig große Rolle mit dickem blauen Faden, so ein Blau, dass man sich als Weide für sommerliche Schäfchenwolken wünscht. Eine Nadel steckte auch drin.
Ich hob die Rolle auf, was denkst denn du, und fädelte ein Stückchen Faden ein. Sowas kann dauern. Ich musste eine Weile fummeln und den Faden abschneiden, damit er mir nicht wieder heraus rutschte.

Die Rolle lag so gut in meiner linken Hand! Bevor ich mir überlegen konnte, was ich damit alles machen würde, kam ich an einer verlorenen Pudelmütze vorbei. Na bitte! Die Bommel hing nur noch am allerletzten Faden. Mit vielen kleinen Stichen nähte ich die Bommel fest und setzte die Mütze auf einen Zaunpfosten. Fröhliches Wiederfinden.
Den restlichen Weg hielt ich Ausschau nach Dingen zum zusammen nähen. Das war lustig. Und schön. Die Fünf im Ranzen hatte ich fast vergessen. Jedenfalls war sie mir plötzlich egal.
Vor der Bäckerei kurz vor unserem Haus hingen Wimpel, von denen einer zerfetzt war. Ich nähte mit meinem blauen Faden ein wunderschönes Kreuzchenmuster drauf. Das würde eine Weile halten. Die Bäckerin freute sich bestimmt. Ich hüpfte die fünf Stufen hoch und stellte mich höflich in die Schlange. Zwei Leute waren vor mir dran. Und hab ichs nicht geahnt?! Der Dame vor mir baumelte der untere Knopf am Mantel. Ich tippte sie an die Hüfte und zeigte auf meine blaue Rolle Faden und auf ihren Knopf. “Ich mach das schnell”, sagte ich. Und bevor die Dame sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, war schon eingefädelt und angenäht. “Na du bist mir ja eine Flinke”, lachte sie. “Jetzt hast du dir mindestens ein großes Stück Kuchen verdient!” Ich glaube, ich wurde ein wenig rot, aber das passte ganz gut zu meiner blauen Rolle Faden.
“Einen Windbeutel bitte, vielen Dank”, sagte ich.
Wenn das mal nicht der beste Tag meines Lebens wurde.
Jetzt freute ich mich auf zu Hause, Fünf hin oder her. Alles, was bei Mama so platzen konnte, na das nähte ich einfach wieder zusammen. Wenn ihr versteht, was ich meine.
Und ohne meine blaue Rolle Faden verließ ich nie wieder das Haus. Das stand fest.

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Konzstanzas Brotrinden

Ich wohne bei meinem Opa. Meine Eltern sind für ein halbes Jahr im Ausland zum Arbeiten. Nein, nein! Ihr müsst kein Mitleid mit mir haben. Ich wollte lieber hier bleiben. Meine Eltern sehe ich fast jeden Tag. Wir telefonieren an Opas Computer. Mein Opa ist so toll. Er wohnt in der Wohnung unter uns und macht die besten Kartoffelpuffer der Welt. Wenn ich aus der Schule komme, rieche ich schon an der Straßenecke, wenn es welche gibt. Er brät sie in zwei Pfannen gleichzeitig, denn wenn es Kartoffelpuffer gibt, habe ich Bärenhunger. Ich schaffe einen ganzen Turm davon. Den Abwasch machen wir hinterher zusammen. Dabei erzählt Opa mir Endlosgeschichten.
Opa macht auch meine Pausenbrote und hilft mir mit den Hausaufgaben. Es ist richtig schön mit ihm. Aber wenn ich eins nicht mag, dann sind das die ollen Rinden an meinen Broten. Die lasse ich immer in meiner Box übrig. Opa zieht dann seine buschigen Augenbrauen hoch und sagt: “Konstanza, du hast schon wieder die Rinden nicht gegessen. Das gefällt mir aber gar nicht.” “Ach Opilein”, sage ich dann und er schüttelt nur seinen Kopf.
Heute ist Freitag. Opa hat mir versprochen, dass ich drei Schulfreunde mitbringen darf, zum Mittagessen. Sanne, Edda und Tobi. Wir wollen später zusammen einen Vortrag für Deutsch machen. Ich habe meinen Freunden schon die ganze Woche vorgeschwärmt, wie köstlich Opas Kartoffelpuffer schmecken. Sanne und Edda haben noch nie welche gegessen und Tobi kennt nur die aus der Tiefkühlpackung.
Komisch, an der Straßenecke duftet es noch gar nicht. Wir ziehen die Schuhe aus und ich gucke schnell in die Küche. Was ist das denn? Oh nein! Auf dem Tisch steht ein riesiger Berg mit getrockneten Brotrinden.
“Opaaa”, kreische ich. “Wo sind die Kartoffelpuffer?” Opa grinst und sagt: “Ich dachte, vielleicht wollen deine Freunde dir helfen, die Brotrinden aufzuessen. Sie sind jetzt herrlich knusprig.”
Oh Mann, das ist mir so peinlich. Sanne und Edda lachen schon und Tobi kramt in seinem Ranzen. “Ich hab auch noch Brotreste übrig” sagt er und packt seine Box auf den Tisch.
Opa räuspert sich. “Weißt du Konstanza, ich bringe es einfach nicht übers Herz, das Brot wegzuwerfen. Da ist Korn ausgesät worden und im Wind gewachsen, da ist Regen gefallen, und da wurde mit Maschinen bis spät in die Nacht geerntet. Die Ähren wurden gedroschen und gemahlen, und jemand hat Teig angerührt und Brote geformt. Da wurden Öfen geheizt und die Laibe gebacken. Jemand hat sie ins Regal geräumt und in die Tüte gepackt. Und ich habe sie schließlich bezahlt, in Scheiben geschnitten, mit Butter beschmiert und mit Käse belegt. So eine lange Geschichte hat das Brot hinter sich. Das darf nicht im Müll enden.”
Das klingt ja richtig poetisch. Opa hat Recht. Aber ich will jetzt trotzdem Kartoffelpuffer.
“Na gut, in Zukunft werde ich die Rinden essen. Ich finde auch, dass das Brot ein schöneres Ende bekommen soll. Aber Opa, bitte, wir haben solchen Hunger.”
“Können wir nicht irgendwas aus den Brotrinden machen?” fragt Tobi.
“Das ist eine prima Idee” sagt Opa. “Wir mahlen sie zu Bröseln und tun davon welche in den Kartoffelpufferteig. Wer kann denn Kartoffeln schälen?”
Ich drücke Opa ganz fest. “Opa, können wir auch mal Brötchen für die Schule kaufen?”

Konstanzas Brotrinden
Zeichnung von Mini Blondie (2017)

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