Geschichten

Das schwermütige kleine Fahrrad

Beim kleinen Fahrrad war die Luft raus. Die Reifen pfiffen auf den vielen Löchern. Es ziepte an den Kratzern und die Schrauben klapperten überall. Zahnradschmerzen hatte es auch.
“Ich kann nicht mehr”, seufzte das kleine Fahrrad abgrundtief und lehnte sich an einen Fliederbusch.
“Kusch! Weg mit dir! Bist du denn noch bei Trost?”, kreischte der los und das kleine Fahrrad zuckte zusammen.
“Ich heirate heute! Wochenlang hab ich mich geschmückt. Siehst du das denn nicht?” Der Fliederbusch raschelte mit den strahlend weißen Blüten.
“Tschuldigung”, murmelte das kleine Fahrrad und schob ab. Es lehnte sich an den nächsten Zaun und ließ den Lenker hängen.
Ein Dompfaff flatterte zu ihm und setzte sich auf den Sattel. Er stimmte ein Lied an und das kleine Fahrrad wollte fast wieder fröhlich werden. Da kam die schwarze Katze mit den weißen Socken und machte einen Satz auf den Gepäckträger. Das kleine Fahrrad geriet ins Taumeln und der Dompfaff war fort. In Sicherheit. Und auf dem Sattel hatte er einen weißen Flatsch hinterlassen.
Das kleine Fahrrad rutschte am Zaun herunter und war sooo platt.
Da kam sein Freund.
“Da bist du ja, mein liebes Fahrrad! Wo warst du denn die ganze Zeit? Du siehst ja gar nicht gut aus”, rief er ihm zu.
“Ach,” murmelte das kleine Fahrrad, “ich war nur auf Achse. Dauernd war etwas zu tun. Immer musste ich herum!!! Kein Leerzeichen!!!flitzen und mich beeilen.”
Der Freund legte seinen Arm um das kleine Fahrrad und sagte: “Komm, ruh dich bei mir aus.” Und dann trug er das kleine Fahrrad nach Hause, mixte ihm ein Getränk aus Apfelessig und Schmieröl und sagte: “Hier, trink das aus, danach fühlst du dich wieder wie neu!” Er flickte die Reifen und wusch den Sattel mit warmem Wasser ab.
Und als es Abend war, saßen das kleine Fahrrad und sein Freund Lenker an Schulter vor dem Haus und warteten auf den Sonnenuntergang.
“Weißt du, wovon ich träume?” sagte das kleine Fahrrad. “Von einem neuen Anstrich, in blau. Und einer knallgelben Klingel!” Das kleine Fahrrad lächelte.
“Und weißt du, wovon ich träume?” sagte sein Freund. “Von einer Radtour bis ans Meer. Mit Picknick.”
Und genau so machten sie das auch.

~

Als ich die blaue Rolle Faden fand

Vielleicht war es im Winter, oder an einem grau bewölkten Frühlingstag. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich die blaue Rolle Faden fand. Aber ich weiß noch, dass ich von der Schule kam und hungrig war wie ein Wolf. Emil von der Bank hinter mir hatte mal wieder meine Brotdose geklaut und alles leer gefressen. Ich traute mich aber nicht, Mama was zu sagen, dann würde sie nämlich was unternehmen. Aber Emil hatte oft kein Schulbrot mit, keine Ahnung warum seine Eltern das nicht gebacken bekamen. So war er wenigstens satt und ärgerte die Mädchen nicht. Ich konnte ja zu Hause essen.
Trotzdem ging ich an diesem Tag so langsam wie nur möglich. Pisspottschritte. Im Ranzen lag die Mathearbeit mit der fetten Fünf drunter. Hättet ihr es geglaubt? Eine Fünf wiegt viel schwerer als ne Drei oder Vier. (Was ne Eins oder Zwei wiegen, weiß ich nicht, hab noch nie eine bekommen. Schätze mal, ungefähr so viel wie ne große Zuckerwatte.)
Mann das würde Ärger geben. Bei Dreien sagte Mama nichts, bei den Vieren holte sie scharf Luft, aber Fünfen, da platzte ihr alles, was so platzen konnte. Knallpeng!
Also zog ich meinen Zwanzigminutenweg in die Länge. Und da an der Straßenecke, wo Gestrüpp aus Haselnuss und Flieder ein altes Haus gefangen hielt, und ich den Gehweg studierte, fand ich die blaue Rolle Faden! Keine normale, die Mama bei ihrem Nähzeug hatte. Ne, eine richtig große Rolle mit dickem blauen Faden, so ein Blau, dass man sich als Weide für sommerliche Schäfchenwolken wünscht. Eine Nadel steckte auch drin.
Ich hob die Rolle auf, was denkst denn du, und fädelte ein Stückchen Faden ein. Sowas kann dauern. Ich musste eine Weile fummeln und den Faden abschneiden, damit er mir nicht wieder heraus rutschte.

Die Rolle lag so gut in meiner linken Hand! Bevor ich mir überlegen konnte, was ich damit alles machen würde, kam ich an einer verlorenen Pudelmütze vorbei. Na bitte! Die Bommel hing nur noch am allerletzten Faden. Mit vielen kleinen Stichen nähte ich die Bommel fest und setzte die Mütze auf einen Zaunpfosten. Fröhliches Wiederfinden.
Den restlichen Weg hielt ich Ausschau nach Dingen zum zusammen nähen. Das war lustig. Und schön. Die Fünf im Ranzen hatte ich fast vergessen. Jedenfalls war sie mir plötzlich egal.
Vor der Bäckerei kurz vor unserem Haus hingen Wimpel, von denen einer zerfetzt war. Ich nähte mit meinem blauen Faden ein wunderschönes Kreuzchenmuster drauf. Das würde eine Weile halten. Die Bäckerin freute sich bestimmt. Ich hüpfte die fünf Stufen hoch und stellte mich höflich in die Schlange. Zwei Leute waren vor mir dran. Und hab ichs nicht geahnt?! Der Dame vor mir baumelte der untere Knopf am Mantel. Ich tippte sie an die Hüfte und zeigte auf meine blaue Rolle Faden und auf ihren Knopf. “Ich mach das schnell”, sagte ich. Und bevor die Dame sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, war schon eingefädelt und angenäht. “Na du bist mir ja eine Flinke”, lachte sie. “Jetzt hast du dir mindestens ein großes Stück Kuchen verdient!” Ich glaube, ich wurde ein wenig rot, aber das passte ganz gut zu meiner blauen Rolle Faden.
“Einen Windbeutel bitte, vielen Dank”, sagte ich.
Wenn das mal nicht der beste Tag meines Lebens wurde.
Jetzt freute ich mich auf zu Hause, Fünf hin oder her. Alles, was bei Mama so platzen konnte, na das nähte ich einfach wieder zusammen. Wenn ihr versteht, was ich meine.
Und ohne meine blaue Rolle Faden verließ ich nie wieder das Haus. Das stand fest.

~

Konzstanzas Brotrinden

Ich wohne bei meinem Opa. Meine Eltern sind für ein halbes Jahr im Ausland zum Arbeiten. Nein, nein! Ihr müsst kein Mitleid mit mir haben. Ich wollte lieber hier bleiben. Meine Eltern sehe ich fast jeden Tag. Wir telefonieren an Opas Computer. Mein Opa ist so toll. Er wohnt in der Wohnung unter uns und macht die besten Kartoffelpuffer der Welt. Wenn ich aus der Schule komme, rieche ich schon an der Straßenecke, wenn es welche gibt. Er brät sie in zwei Pfannen gleichzeitig, denn wenn es Kartoffelpuffer gibt, habe ich Bärenhunger. Ich schaffe einen ganzen Turm davon. Den Abwasch machen wir hinterher zusammen. Dabei erzählt Opa mir Endlosgeschichten.
Opa macht auch meine Pausenbrote und hilft mir mit den Hausaufgaben. Es ist richtig schön mit ihm. Aber wenn ich eins nicht mag, dann sind das die ollen Rinden an meinen Broten. Die lasse ich immer in meiner Box übrig. Opa zieht dann seine buschigen Augenbrauen hoch und sagt: “Konstanza, du hast schon wieder die Rinden nicht gegessen. Das gefällt mir aber gar nicht.” “Ach Opilein”, sage ich dann und er schüttelt nur seinen Kopf.
Heute ist Freitag. Opa hat mir versprochen, dass ich drei Schulfreunde mitbringen darf, zum Mittagessen. Sanne, Edda und Tobi. Wir wollen später zusammen einen Vortrag für Deutsch machen. Ich habe meinen Freunden schon die ganze Woche vorgeschwärmt, wie köstlich Opas Kartoffelpuffer schmecken. Sanne und Edda haben noch nie welche gegessen und Tobi kennt nur die aus der Tiefkühlpackung.
Komisch, an der Straßenecke duftet es noch gar nicht. Wir ziehen die Schuhe aus und ich gucke schnell in die Küche. Was ist das denn? Oh nein! Auf dem Tisch steht ein riesiger Berg mit getrockneten Brotrinden.
“Opaaa”, kreische ich. “Wo sind die Kartoffelpuffer?” Opa grinst und sagt: “Ich dachte, vielleicht wollen deine Freunde dir helfen, die Brotrinden aufzuessen. Sie sind jetzt herrlich knusprig.”
Oh Mann, das ist mir so peinlich. Sanne und Edda lachen schon und Tobi kramt in seinem Ranzen. “Ich hab auch noch Brotreste übrig” sagt er und packt seine Box auf den Tisch.
Opa räuspert sich. “Weißt du Konstanza, ich bringe es einfach nicht übers Herz, das Brot wegzuwerfen. Da ist Korn ausgesät worden und im Wind gewachsen, da ist Regen gefallen, und da wurde mit Maschinen bis spät in die Nacht geerntet. Die Ähren wurden gedroschen und gemahlen, und jemand hat Teig angerührt und Brote geformt. Da wurden Öfen geheizt und die Laibe gebacken. Jemand hat sie ins Regal geräumt und in die Tüte gepackt. Und ich habe sie schließlich bezahlt, in Scheiben geschnitten, mit Butter beschmiert und mit Käse belegt. So eine lange Geschichte hat das Brot hinter sich. Das darf nicht im Müll enden.”
Das klingt ja richtig poetisch. Opa hat Recht. Aber ich will jetzt trotzdem Kartoffelpuffer.
“Na gut, in Zukunft werde ich die Rinden essen. Ich finde auch, dass das Brot ein schöneres Ende bekommen soll. Aber Opa, bitte, wir haben solchen Hunger.”
“Können wir nicht irgendwas aus den Brotrinden machen?” fragt Tobi.
“Das ist eine prima Idee” sagt Opa. “Wir mahlen sie zu Bröseln und tun davon welche in den Kartoffelpufferteig. Wer kann denn Kartoffeln schälen?”
Ich drücke Opa ganz fest. “Opa, können wir auch mal Brötchen für die Schule kaufen?”

Konstanzas Brotrinden
Zeichnung von Mini Blondie (2017)

~