Hökholz – Sandager Næs – Lomma – Landön – Feddet – Uslev

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Du hast gesagt, mal sehen, ob Nachbars Kirschbaumzweig, der eine, der immer zuerst kahl wird, schon leer ist, wenn wir nach Hause kommen. Wenn ja, dann haben wir schon Herbst. Du hast dir nicht zwingend noch mehr Sommer gewünscht, du wolltest nur die Anzeichen klar haben.
Ich habe nichts gesagt, ich habe aber gedacht, er ist noch nicht kahl, aber ich bräuchte nicht noch mehr Sommer. Jedenfalls nicht zu Hause. Hier mit dir, in unserem Schneckenhaus Nr. 17, da hätte ich gern noch einen ganzen Wald lang Sommer.
Du hättest die Tischdecke mit Sicherheit nicht gebraucht, aber am Ende war sie für dich genauso gesetzt wie für mich. Wenn das neue Lager aufgeschlagen war: Himmelsrichtung ausgesucht, die Wagenfüße heruntergekurbelt, Strom angeschlossen, Grauwasserbecken aufgestellt und du dann das Sonnendach aufgebaut hattest, dann kam die Decke mit Schwung auf den Campingtisch – und wir waren angekommen. Ich wusste dass es so wird. Deswegen musste ich unbedingt eine Tischdecke nähen, schon im Packchaos hoch Zwei. Diese eine Konstante brauchte ich als Vorschuss: Das wird gut.
Wir zu fünft in einem Wohnwagen! Das war nur (m)eine kurze Schnapsidee und du sofort Feuer und Flamme. Damit könnten wir überall hin; Italien, Norfolk, ach, ans Nordkap wärst du am liebsten hoch. Mit Schweden hattest du mich im Sack. Ach nach Schweden! Immer wenn mir die paar Fünfkronenstücke in die Finger kamen und immer sonst war die Sehnsucht riesig.

Du hast eine Landkarte gekauft, Abspannschnüre, ein kleines Holzbeil. Ich hab mich im Wenig-Einpacken versucht. Am Tag vorher hast du mit Gelbe Wolke den Wohnwagen geholt und im Überschwang gleich gegen den Zaunpfahl geschrabbt. Das hat unserer Vorfreude die Luft rausgelassen, der Tag war schon von der Hitze zu schwer. Wir hatten uns entschlossen, jetzt daran zu denken, dass wir in … (mal sehn in wie vielen genau) Jahren darüber lachen würden.
Ich hatte Second Thoughts. Plötzlich eine Menge. Alles könnte schief werden. Zu eng. Zu warm. Zu kalt. Zu vermückt. Du hast schon geschwebt vor Freiheit. Wenns irgendwo nicht schön ist, ziehen wir einfach weiter. Schwedisch Licht hat an mir gezogen. Kommer du.
Die Kinder haben den Wohnwagen beladen geholfen. So viele Schränkchen, Winkel und Schubladen; da ging ganz schön viel rein. Den Kühlschrank voller Pickupriegel. (Und Twix.) Die letzte Nacht zu Hause war unruhig. Mini Blondies Zwerghaas schon in seinem Ferienquartier. Dann Probefahrt bis zu Muckla; wenn wirs hierhin schaffen, dann vielleicht auch weiter. Einen Coffee to go und dann waren wir auf der Autobahn. Du bist die ganze Strecke gefahren und auch alle anderen und nicht müde geworden wie sonst.

Wir haben keine Reiseroute ausgeklügelt, keinen Platz reserviert. Ins Blaue hinein. Du wolltest den Landweg nehmen. Wir waren zwölf Meter lang. Der erste Platz war noch in Deutschland. A soft start. Hökholz war das, und mehr. Mit einem Fuß am Meer, mit dem anderen in Alices Wunderland. Wo wir hinsahen, saßen Wildkaninchen. Überall. 400 Stück. Beim nächsten Blick waren sie wieder verschwunden. Dann wieder da. Du hast noch eine Nacht verlängert.
Die Schwedentasse, die Linda mir letztes Jahr aus Malmö mitgebracht hat, war unser Wegweiser. Erstmal durch Dänemark. Du hast das Meer gehört, nachts. Du hast einen Bart bekommen. Tagebuch geschrieben. Einen schlimmen Rücken gehabt.
Du hast mich in Flensburg auf dem Parkplatz beinahe in den Wahnsinn geparkt, weil ich dachte, jetzt sind wir da zwischen den Autos eingetetrist und kommen nicht mehr raus. Da wussten wir noch nicht, dass wir zu zweit den Wohnwagen fast überall hin geschoben bekommen; selbst von der Fähre runter. (Rückzu, als wir schließlich landwegmüde waren, und nach der Überfahrt die Autobatterie leer.)
Du bist runter ans Meer, immer wieder, auf jedem Platz waren wir ganz dicht am Meer. Du hast uns den nächsten Platz ausgesucht, Sandager Næs, und ich hab mich so schwer getan. Du hast die Lachsforelle gebraten, die uns Holländer geschenkt hatten und wir haben sie uns reingeholfen, obwohl sie tranig geschmeckt hat, just because.
Du hast schon nach einer Nacht gesagt, „Vielleicht ist das DER Platz.“ Und zwei Nächte verlängert. Ich hab es erst drei Plätze später gemerkt. Hab morgens in der Sonne E. B. White zum Kaffee gehabt. Die Mädels sind zusammen geradelt, ihre neue Gemeinsamkeit. Sie hatten den Sonnenuntergang vor ihren Doppelstockbettfensterchen. Was will man mehr, als mit der Sonne um die Wette einschlummern.
Das beste Softeis haben wir in Odense gefunden, in frischen handgeformten Waffeltüten. Du wolltest einen Falaffel essen. Seriously?!
Im Hans Christian Anderson Musem die Schere bestaunt, mit der er fantastische Scherenschnitte gefertigt haben soll. Du hast Baby geschoben und Konditorschätze mitgebracht. Du bist nicht oft in Kuchenkauflaune. Die Kinder sind nicht mehr so einfach hinterher getrollt wir vor zwei Jahren. Für sie hätte es jeden Tag ins Schwimmbad gehen können.
Nach drei Nächten haben wir uns aufgerafft. Wenn nicht jetzt, dann … Ich hab die letzten dänischen Kronen in Kartoffeln umgetauscht.
Über die Brücken. Über die Grenze. Du hast von den Schären geträumt, ich vom Vänern. Eine Traumroute, yes indeed.
Bei Lomma sind wir nur eine Nacht geblieben. Wir haben die anderen Camper beobachtet, ihre Lageraufschlagroutinen. Was es nicht alles für Campinggefährte gibt. Das Meer war diesen Abend vermutlich aus Gold.
In Lund habe ich Kaffee gekauft, und Karten in der schönen Bücherei am Dom, das Buch über Elche beinahe auch. Mini Blondie hat Urlaubspost geschrieben, in Schreibschrift.
Wir haben die Landkarte gedreht und gewendet. Jetzt könnte langsam ein Ziel in Sicht kommen. Bis wo und nicht weiter? Die Kinder waren fahrmüde, ich auch. Bis hierher hatte ich noch keine einzige Masche gestrickt. Du hast uns durch schwedische Ackerstraßen bugsiert. Wir hätten auch eine Nacht irgendwo in der Walachei campiert, aber dann kam Landön. Kleiner Platz am Meer, noch gut besucht, aber ein Plätzchen war noch frei. Da haben die großen Steine auf dich gewartet. Geduldige Buckel. An Land, im Wasser. Der Platzwart hat sich schriftlich für die vielen Spinnen in den Klohäuschen entschuldigt.
Auf Landön ging die Sonne im Küchenfenster als glühender Bratapfel auf. Überm Meer. Du bist auch wach geworden. Später hast du ein Picknick gepackt und dann gab es Frühstück mit Aussicht.
Wir hatten uns entschieden; nochmal zurück nach Dänemark. Jauchzen und Seufzen.
Liebes Schweden, wir kommen wieder. Dann machen wir es richtig.
Fast wäre es nichts geworden, dass ich mir noch ein Seligkeitsding mitbringe. Ich wollte doch etwas Geschirr von Rörstrand finden, nachdem Uli mir letzten Sommer die feinen Blauen mitgebracht hat. In einem schnöden Einkaufscenter hab ich was gefunden.

Wir fahren jetzt nach Feddet hast du gesagt, und ich war neugierig auf den Föhrenwald und ob wir hier verweilen wollen. Die Anfahrt auf schmalen Straßen zwischen reifen Kornfeldern und Blumenstreifen hatte mich schon voreingenommen. Ich habe und habe eine Schwäche fürs dänische Land. Dieser Stil, die weiß getünchten Höfe. Und so viel Straße so dicht am Meer.
Feddet war ein bisschen groß, aber die dänischen Ferien waren schon zu Ende; es ging ruhig zu. Oder lag es am Wind, der so laut getost hat? Es war schön hier. Du hast diesmal ein wenig gebraucht um warm zu werden. Die Kinder haben einen Zapfenberg gestapelt. Bei Regen gingen alle Zapfen zu. In der Sonne wieder auf. Eine Handvoll von denen liegt auf unserem Terassentisch. Es klappt auch hier.
Du bist immer mal runter ans Meer, manchmal sind wir abends die paar Meter hin gerannt, schnell Gute Nacht sagen. Ich habe gestrickt. Du hast das Baby durch die Wohnwagenscheibe gucken lassen, das hat sie geliebt. Unten am Fenster im Doppelstockbett wurde hier Lieblingsplatz. Wir hatten immer noch Kartoffeln. Und raue Mengen schwedische Frikadellchen.
Die Kinder wollten – ins Schwimmbad. Und „Die Erde ist giftig“ spielen. Sie haben jetzt schon eine genauso laute Meinung wie wir. Ein bisschen Gegend haben wir erkundet. Gisselfeld hatten wir ganz allein für uns, nur zwei Rentnerpaare waren noch da. Im Café gabs Lachswraps und im Schlosshof so heftigen Wind, der hat sich Gelbe Wolkes Mütze geschnappt und in den Burggraben geweht. Hätten wir eine Angel gehabt …
Kopenhagen hab ich gefragt? Kopenhagen, hast du gesagt. Die Kinder sind tapfer mit uns durch die Stadt marschiert. Schöne Menschen, schöne Straßenmusik. Schneekugeln als Souvenier. Ob sich die Mädchen in ein paar Jahren noch daran erinnern können?
Du hast vorm Meer gesessen und Oceans in den Kopfhörern.
Der Weg nach Præstø, oh! Ganz dicht am Meer, die Weiden unter Wasser, alle Rinder zusammengedrängt in einer Ecke und die Gesichter zur Sonne gewandt. Abschiedssofteis mit Guff.
Wir haben keine Lust mehr auf den Starkwind und machen einen letzten Halt in Uslev. Hier ist es schön leer. Du baust unser Lager auf, ein letztes Mal. Meine Augen wandern immer wieder über die Wellen. Liebes Meer. Ich koche Spaghetti, Mini Blondie arrangiert Gruppen- und Porträtfotos von der Reisegesellschaft an Kuscheltieren.
Du sitzt mit mir und dem Baby unter dem Abendhimmel. Schokolade. Sterne.
Die Rückfahrt macht selten Spaß. Wir nehmen die Fähre nach Rostock. Als wir runterfahren wollen, gurgelt das Auto nur. Du kommst ins Schwitzen. Wir halten den ganzen Betrieb auf. Die Besatzung schiebt uns runter, erst das Auto, dann den Wohnwagen. Da stehen wir am Kai und das Schiff fährt wieder ab. Komisches Gefühl. Wir warten im Wohnwagen auf den Gelben Engel und essen Fischklopse mit Ketchup.
Das wars.

Zuhause gibt es auch Schokolade und Sterne. Die Kinder begrüßen ihr Reich mit Jubel. Du bringst unser Schneckenhaus wieder zurück. Wir hätten noch länger weg bleiben können. Bis uns das Haus fremd geworden wäre. Ich habe ein neues Volk entdeckt, mir bis dahin unbekannt: Dauercamper. Und mein Lieblingsneuwort: Grauwasser.
Jetzt wo ich das schreibe, bald zwei Monate später, wird der Kirschzweig langsam kahl. Ich vermiss das Meer. Hab noch zwei Fünfkronenstücke gefunden. Schweden, na warte.

Hier die Campingplätze: (Verlinken klappt nicht)
http://www.camping-eckernfoerde.de
http://www.sandagernaes.dk/
http://www.haboljungcamping.se
http://landonscamping.se
http://www.feddetcamping.dk/camping
http://www.ulslevstrandcamping.dk
http://www.gisselfeld-kloster.dk/

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9 Kommentare

  1. Am 9. Oktober 2015 um 11:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Welch wunderbarer Text. Ich könnte immer noch weiter lesen.
    Danke!

    Herzliche Grüße
    Mirjam

  2. uli
    Am 9. Oktober 2015 um 19:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

    So eine schöne Reisebeschreibung! <3 <3 <3

  3. Am 10. Oktober 2015 um 19:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    So schön….danke.
    Wir waren auch in Dänemark mit schrecklich viel Wind und hohen Wellen, aber auch herrlicher nordischer Sonne.
    Ich erinnere mich gerade auch zurück.
    Lg. Elisabeth

  4. Kaffiknopf
    Am 10. Oktober 2015 um 21:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke danke *

    Elisabeth, wo wart ihr denn? Schöne Grüße!

  5. Claudia
    Am 12. Oktober 2015 um 11:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke – niemand schreibt so wunderbar wie Du. Ich liebe Deine Texte. Immer. Seit Jahren. Allerliebste Grüße Claudia

  6. Muckla
    Am 13. Oktober 2015 um 21:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kenne niemanden, der einen Urlaub so wunderbar zelebrieren kann wie du! Auch im Rückblick :) Da bekomme ich gleich wieder Meeressehnsucht!

  7. christina
    Am 14. Oktober 2015 um 18:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    eben deinen text entdeckt und beinahe atemlos verschlungen. mit klopfendem herzen, in der hoffnung wider besseren wissens, dass er endlos gehen möge………..
    wunderbar und DANKE für dieses lesevergnügen!
    lieben gruss aus der schweiz
    christina

  8. Geli
    Am 28. Oktober 2015 um 09:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Eine wunderschöne Reisebeschreibung! Wir campen auch mit den Kindern und lassen uns treiben…. Die Momente sind perfekt beschrieben… Vielen Dank dafür!

  9. Barbara
    Am 28. Oktober 2015 um 15:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Solche Seiten wie diese sind es, die meine Zeit im Netzt dann doch wertvoll werden lassen.

    Was ein schöner Text!

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    Hier schreibt Mirjam Nietz. Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern auf dem Brandenburger Land - einen Fuß breit in Berlin, ständigem Nordweh im Bauch und einer Hand an der heißen Kaffitasse.
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