Trudi ist froh, dass sie es jetzt hinter sich hat. Leise schließt sie die Wohnungstür. Golda wird ihr Nickerchen halten. Trudi mag die Stadt nicht, wenn es Winter ist. Alle Türen sind zu. Die Gesichter verkniffen. Blanke Zweige spießen den Himmel auf. Es blutet grau. Im Winter fragt Trudi sich, wie lange noch? Und sie denkt an die Heimat, jeden Tag. Der Hof, das Feld, dahinter der Buchenwald. Als sie klein war, hat sie versucht den Vater zu überreden, eine Reihe Weihnachtsbäume anzupflanzen. Er hat immer nur gelacht und ihr auf die Nasenspitze getippt. Wie hochgewachsen diese Tannen jetzt wohl wären.
Trudi legt acht Tafeln Milkaschokolade auf den Küchentisch. Da steht ein kleines Paket, aber es ist nicht an sie adressiert. Die Straße stimmt, aber kein Name, nur 3. Etage.
Später sitzen beide Schwestern am Küchentisch. Golda hat alle Tafeln ausgewickelt und in eine Blechdose gelegt. Trudi hat eine halbe Tafel wieder herausgenommen. Sie zerschneiden das Silberpapier und falten Sterne. Golda hat Weihnachtsmusik angestellt und summt mit, ohne dass sie es bemerkt. Im Winter wird es so plötzlich dunkel, anders als im Sommer, wo es Stunden dauert. Trudi mag diese Winterdunkelheit überhaupt nicht. Aber sie mag zusammen schweigen mit Golda.

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Filed under: Advent

 

“Lili”, ruft Fips. Er steht mit Thessi vor dem Mauseloch und schnuppert in die Luft. “Da riecht es ehrlich nach Pfefferkuchen. Oder es sind Zimtsterne.” Thessi klatscht in die Hände. Sie ist noch klein, aber Zimtsterne liebt sie wie ihre Puppe. Lili huscht aus dem Loch und hält ebenfalls das Näschen in die Höhe. “Eindeutig”, sagt sie und schleckt sich die Lippen ab.
“Sag ich doch!”, ruft Fips und will schon loshuschen, aber da kommt der Mausevater ihnen entgegen. Er rollt eine große runde Zimtschnecke vor sich her. Thessi lispelt entzückt: “Simdsnecke! Simdsnecke!”
Der Vater schwitzt ganz schön unter dieser schweren Last und schubst die Schnecke mit einem letzten Ruck durch di Wohnungstür. Lili kratzt ein bisschen Zimt ab und steckt den Finger in den Mund. Uromi springt flink zur Seite, trotz des hohen Alters. Sie schnauft. Dann aber machen sich alle an die große zimtige Schleckerei.
Uromi schafft am meisten. Frau Mäusefuß wischt Thessi den Mund ab. Lili gähnt.
“So eine große Zimtschnecke hab ich echt noch nie gesehen”, meint sie schläfrig und gähnt nochmal. Uromi dreht den alten Plattenspieler auf. Und dann singen sie alle “O du Fröhliche”. Außer Thessi. Die hockt vor dem Mauseloch und untersucht ein kleines Paket, das komischerweise dort liegt.

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Filed under: Advent

 

Es klingelt. Schon wieder. Rosi merkt auch daran dass Dezember ist. Wird wohl die Post sein. Wahrscheinlich mit einem Paket für die Nachbarn. Dass sie mal ein Päckchen geschickt bekommen hat, ist lange her. Heute ist es aber nicht ihr Lieblingspostmann, schade. Sie muss Heinrich erinnern, rechtzeitig die schöne Flasche Sekt vom Einkauf mitzubringen, die der Postmann jedes Jahr zu Weihnachten bekommt.
Ein Paket für ganz oben. Wohnt da wieder jemand? Rosi stellt es auf das Flurschränkchen, neben das rote Telefon. Ach, sie wollte Heinrich noch fragen. Er sitzt mit der Zeitung neben dem Radio. Eins für die Ohren, eins für die Augen sagt er immer, wenn sie den Kopf darüber schüttelt.
“Na Herzblatt.” Er bemerkt sie immer.
“Was hältst du davon – … Die Nachbarin hat angerufen, das war seltsam. Sie wollte nur fragen, was ich zum Mittag koche. Wollen wir sie nicht mal einladen, zum Kaffee?”
“Was, die beiden alten Schachteln? Die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Können die denn noch laufen?”
“Also Heinreich.” Rosi schnalzt mit der Zunge.
“Ich glaube, das wäre nett. Vielleicht am nächsten Avent, mhm. Ich werde noch ein paar Pfefferkuchen ausstechen.”
Rosi sieht nach dem Teig. Ihre Küche hat noch einen Wandschrank unter der breiten Fensterbank, da ist es jetzt im Winter fast so kalt wie im Kühlschrank. Sie hat den Teig schon Ende November gemacht, damit er gut durchziehen kann. Natürlich weiß sie, dass Herbert jeden Tag ein kleines Bällchen davon nascht. Gleich früh, wenn er in der Küche rumort, die Butter raus stellt, den Kaffee kocht. Er macht vier Kniebeuge und zupft sich ein Stückchen rohen Teig. Klopft den Teig wieder zurecht, dass man nicht sieht, wo etwas fehlt.
Eine Sache mehr, die ihr fehlen würde, wenn er mal nicht mehr ist. Ach Advent ist auch so viel Wehmut. Seit Jahren macht sie mehr Teig, als sie verbacken kann. Aber wehe, sie spricht ihn aufs Naschen an. Dann kommt die Zornfalte über seiner Nase, die selten auftaucht und doch mit den Jahren auch Spuren in sein Gesicht gezeichnet hat.
“Stichst du Pfefferkuchen aus?” Heinrichs Filzpantoffeln schlurfen über die Dielen.
Rosi rollt schon den Teig auf dem Tisch aus, das geht noch flink.
“Soll ich dir helfen? Was willst du, Sterne, Herzen? Oder die hier, was sind das, Füße? Also wirklich …”

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Filed under: Advent

 

Are stöhnt laut und norwegisch auf. Der vierjährige Nisse macht ihn sofort nach. Und noch einmal. Kein Wald zum Stöcke suchen. Kein Fluss zum aus Versehen reinfallen. Kein großer Himmel. Es war so unglaublich langweilig im neuen Haus, das nichtmal ein Haus war, also, jedenfalls nicht eins was ihnen allein gehörte. Are und Nisse, Lykkas kleine Brüder, hielten es beide nicht mehr aus. Lykka war in der Schule, Papa bei der neuen Arbeit und Mama hinter Kistenbergen verschwunden.
“Mama, wir gehen den Müll runterbringen, ok?” Are und Nisse warteten gar nicht die Antwort ab, es war schon ok. Und außerdem ein Vorwand, das Treppenhaus zu erkunden. Sie liefen erst runter bis zum Kellereingang. Dann klopften sie gegen die Briefkästen um zu hören, ob Post darin war.
“Komm wir gehen mal nach ganz oben.” Are zählt die Stufen. Zwölf die erste Treppe, die nächste auch. Dann eine Treppe mit elf, aber da hatte er die achte doppelt gezählt. Nisse war erst vier, er zählte drei, vier, fünf in einem Fort.
Oben angekommen untersuchen sie die Tür.
“Ey Nisse, guck mal. Die Tür ist auf.”
“Ob hier jemand wohnt? Sieht irgendwie nicht so aus.” Are späht durch den Schlitz. “Komm wir gehen mal rein.”
“Nein, ich trau mich nicht.”
“Na los, wir sind doch zu zweit.”
Da hören sie Lykka im Treppenhaus. Sie ruft nach ihnen und ist schon auf dem Weg nach oben.
“Mist. Gehen wir später nochmal?.”
Nisse zwinkert so verschwörerisch wie er nur kann, und kneift dabei beide Augen zu.

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Filed under: Advent

 

“Hast du sie doch noch gefunden?” Trudi reibt sich die Hände.
Golda nickt. Die Lockenwickler, die sie noch in den Haaren hat, wippen auf und ab.
Sie suchen schon seit Tagen die Kiste mit den Weihnachtsfiguren. Sie stand eigentlich immer ganz oben in Goldas großem Kleiderschrank. Aber in diesem Jahr ist sie nicht aufzufinden gewesen.
“Wo war sie denn nun?” Trudi will es wissen.
“Das glaubst du selber nicht. Sie war in der Kammer, zwischen den Sommerschuhen und dem Schuhputzzeug. Unter einem Stapel alter Zeitungen. Wir müssen wirklich mal aufräumen, Trudi.”
Räuchermänner, Engel, ein roter Nussknacker, eine kleine Chorende. Und das Schönste: Die Pyramide, die ihr Großvater noch selbst gemacht hat. Auf einer länglichen Holzscheibe, nur drei Tannen, eine Krippe mit Heu und Rehe. Vorsichtig packen sie alles aus und stellen es an ihre gewohnten Plätze, in der Küche, im Wohnzimmer. Alle Jahre wieder.
“Hast du schon Hunger?” Trudi räumt die Einwickelpapiere in die Kiste zurück.
Golda schüttelt den Kopf. “Nein, noch gar nicht. Aber das kann sich nachher ändern.” Sie zwinkert. “Was kochst du schönes heute?”
Trudi zuckt die Schultern. “Keinen Schimmer! Wir haben noch Heringe. Aber schon wieder Fisch, ich weiß nicht. Ich frag mal Frau Schmitt, was sie zum Mittag macht. Hier irgendwo hing doch ihre Telefonnummer, dann muss ich nicht laufen.”

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Filed under: Advent Getaggt

 

Niklas stiefelt die Treppe herunter und überlegt, ob das Plätzchen für den Nikolaus noch da ist. Er hat es gestern hingelegt, weil der Nikolaus ja auch mal Hunger hat und nicht einfach die Sachen aus seinem Sack essen darf. “Wann kommen endlich die anderen?”, murmelt Niklas. Soll er Marja und Mary und Jörg vielleicht wecken?
“Hey, du!”, ruft Jörg leise. Mary und Marja stehen hinter ihm und poltern die Treppe runter. Als sie vor den Stiefeln stehen, entdecken sie Schoko-Weihnachtsmänner, Bonbons, Zuckerstangen, Zimtsterne und Pfefferkuchen.
Und das Plätzchen für den Nikolaus ist nicht mehr da.
Mama kommt im Schlafanzug dazu. “Na sagt mal, ist in meinen Stiefeln etwa gar nichts?”
Niklas steckt blitzschnell einen Zimtstern in Mamas Schuh, aber das hat sie wohl gesehen.
“Komisch Mama, hast du sie denn nicht geputzt? In Papas Schuhen ist was. Er gibt dir bestimmt etwas ab!”
“Schläft er noch?” fragt Jörg. “Ich werde ihn gleich mal fragen.” Er stürmt ins Schlafzimmer.
Mary hält Mama einen Schokoladenweihnachtsmann hin. Das Gesicht und die Füße sind schon abgebissen. “Hier Mama, beiß zu.” nuschelt sie.
“Naa, oder ich nehme einen echten super Marykuss” lacht Mama. Sie spitzt ihre Lippen und bekommt einen nassen, schokoladigen Kuss aufgedrückt.
“Was ist denn das für ein Paket?” fragt Mama. “Vielleicht ist das für mich?”
“Nee, das steht da schon paar Tage.” sagt Marja.
Mama sieht nach. “Seltsam, das ist unsere Straße, aber ohne Namen, nur das Stockwerk steht drauf. Aber da wohnt doch gar niemand. Das ist oben, für die Dachwohnung.”
Niklas hebt es hoch. Es ist gar nicht schwer. “Mama, darf ich es einfach hochbringen? Ist vielleicht zum 1. Dezember jemand eingezogen?!”
“Na gut, aber zieh dir deine Strickjacke über. Ich bin froh wenn es hier im Flur nicht herumsteht. Ein Wunder dass die ganz kleine Lovis es noch nicht demoliert hat.”

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Filed under: Advent Getaggt

 

“Ja, super!”, ruft Herr Mäusefuß zufrieden und stapft wieder in seine Wohnung, wo ihn seine Frau, drei Kinder und die Uroma erwarten. “Perfekt, sag ich euch! Absolut perfekt …” Er legt eine große Walnuss auf den Tisch. Dann ruft er: “Alles voll! Du brauchst dich nur in eine der Wohnungen zu schleichen, schon hast du die Arme voll mit Krümeln, Nüssen und Käse! Ein Paradies, sage ich euch!” Frau Mäusefuß streicht ihm beruhigend über die großen runden Ohren. “Dann hat sich das Umziehen doch gelohnt!”
“Sicher, sicher!”,schmatzt Herr Mäusefuß genüsslich. Die alte Uromi stützt sich ächzend hoch und fragt: “Und hier ist ganz bestimmt nicht wieder so ein Kater, wie der, der mir meinen Gevatter weggeschnappt hat?”
“Bestimmt nicht”, beteuert Herr Mäusefuß.
“Aber jetzt weg von den Nüssen!”, ruft Frau Mäusefuß und verscheucht die Mäusekinder. “Sonst kriegen wir doch keinen ordentlichen Nusskuchen zusammen!”

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Filed under: Advent Getaggt

 

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„Ich bin bei euch alletage, bis an der Welt Ende“, das ist eins der tröstlichsten Worte von Jesus. Katja und Stefan Brall machen das seit Jahren ganz greifbar in ihrem Kalender für Familien in Saus und Braus. Illustriert von Franca Neuburg, jedes Mal mit einem besonderen Jahresthema, zu dem es kleine Besonderheiten gibt. Dieses Jahr ist es natürlich Martin Luther. Hin und weg bin ich schon vom äußeren Erscheinungsbild, immer die gleichen Farben, aber jedes Mal eine andere grafische Form.
Geplant wird wöchentlich, es gibt sechs Spalten für die Familienmitglieder. Und viele Extras und Helfer im Anhang.
Seit vielen Jahren begleitet uns dieser Kalender. Dieses Jahr verlose ich drei Kalender (per Number Generator) und wer mitspielen möchte, kann hier einen Kommentar hinterlassen bis zum 6.12. (Mitternacht). Die Gewinner werden am 7.12. bekannt gegeben. Wer einen weiteren Eintrag möchte, kann auch drüben bei Instagram einen Kommentar hinterlassen.
Die Verlosungsexemplare wurden mir freundlicherweise vom adeo Verlag zur Verfügung gestellt.

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Filed under: Familie, Magic Getaggt , ,

 

Golda braucht die Tür nur einen Spalt mit Daumen und Zeigefinger aufzudrücken und schon bestätigt sich, was sie sowieso schon wusste. Die kleine Stirnfalte Ärgernis erscheint und doch zuckt sie nur mit den Schultern und seufzt. Später beim Kaffee stellt sie Trudi zur Rede. “Wieso hast du dich wieder in mein Bett gelegt? Du hast doch selber ein Bett. Ich kann das nicht leiden!” Jetzt ist der Ärger raus. Golda sucht die wenigen nicht verbrannten Plätzchen vom Blech und ordnet sie auf einem Teller an, zwischen ein paar Dominosteinen. Die verkohlten Übrigen kippt Golda mit Schwung in den Müll.
Das haben sie schon früher gemacht, im Advent. Zusammen Domino gespielt, am Küchentisch, und dabei durften sie jeder zwei, drei Steine essen. Die Spielsteine sind schon so abgegriffen, man erkennt kaum noch die weißen Punkte. Trudi fährt mit den Fingerkuppen über einen Drei/Vierer.
“Dein Bett ist einfach so viel gemütlicher”, lenkt Trudi ein, vorsichtig, denn dieses Gespräch führen sie fast jeden Tag. Sie findet immer eine andere Ausrede…
Abends, als Golda schon das Licht ausgemacht hat und sich im Dunkeln in ihr Bett tastet, findet sie ein paar kratzige Walnusshälften und eine handvoll Apfelsinenschalen.
“Ohhhhh Trudi! Na warte…”

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Filed under: Advent Getaggt

 

Lykka tritt gegen die nächst neben ihr stehende Umzugskiste. Es rummst nur dumpf. Nichts geht kaputt. Der Kistenturm dahinter – kippt auch nicht um.
“Ich hasse diese Wohnung! Und diese komische Stadt! Und überhaupt – dieses Land! Warum sind wir hier?! Mama!”
Lykka ist 15 und lässt sich nicht mehr so einfach entwurzeln wie ihre beiden kleinen Brüder. Mama hat das Gefluche aus Lykkas Zimmer gar nicht gehört. Sie hat an ihrem Laptop den norwegischen Radiosender an, blechern und ziemlich laut. In der Kaffeemaschine stehen locker anderthalb Liter gebrüht, die wird sie über den Nachmittag noch trinken. Lykka nimmt sich eine kleine Tasse voll. Das darf sie eigentlich nur am Wochenende, aber Mama belässt es bei hochgezogenen Augenbrauen. Sie sitzt am Küchentisch, mit einem krummen Rücken, den Lykka aus Norwegen nicht kennt, über einem Berg Papiere. Aus dem Treppenhaus riecht es nach verbranntem Zucker. Einer der Nachbarn muss am Backen sein.
Lykka seufzt. Sie sehnt sich so sehr nach Hause zurück. Heute ist Donnerstag. Um die Zeit würde sie jetzt eine halbe Stunde am Ostfenster der Tromsdalen Kirke sitzen, eigentlich, um die Zeit für Hausaufgaben zu nutzen, bis ihre Orgelstunde anfangen würde. Aber die Hausaufgaben würde sie später im Bett erledigen, jetzt, diese halbe Stunde würde sie nur aus dem riesigen Glasfenster schauen, sich mit den Augen verlieren im Blau an Blau.
“Die Wiederkehr Lykkas …” murmelt sie, Mama kann es nicht hören. Mama ist versunken. Ohne dass es jemand merkt, füllt sie ihre Tasse mit der dicken, schwarzen Flüssigkeit nach und lässt drei Stücken Zucker abtauchen.

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Filed under: Advent

 
  • Willkommen!

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    Hier schreibt Mirjam Nietz. Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern auf dem Brandenburger Land - einen Fuß breit in Berlin, ständigem Nordweh im Bauch und einer Hand an der heißen Kaffitasse.
    Schön dass du dir Zeit nimmst!