Es war einmal ein Sommerstück

Am 1. Dezember ist Christa Wolf gestorben. Heute wird sie in Berlin beerdigt. Meine Dichterinnen gehen aus dem Leben, erst Eva Strittmatter im Januar, jetzt Christa Wolf. Das ist so traurig, gerade jetzt im Advent.
Die Leseliebe begann mit dem Sommerstück. Muckla hatte das Buch in der Bibliothek ausgegraben. Wir haben es beide verschlungen, später auf den :: Jahreszeitenlesungen oft daraus vorgelesen.
In dem Buch geht es nur um einen einzigen Sommer – in Mecklenburg, meiner Heimat. Trotzdem hat die Geschichte in mir eine Ursehnsucht angelegt, in den Sommermonaten dorthin zu wollen.
Als ich eine zeitlang in Kleinmachnow gearbeitet habe und mit dem Fahrrad durch die Straßen fuhr, habe ich mir vorgestellt wie das wohl damals war, als Christa Wolf hier wohnte. Nach Pankow habe ich ihr zwei, drei Postkarten geschrieben, einfach so. Ich habe nicht bedacht dass Post von Lesern für Schriftsteller wahrscheinlich vor allem lästig ist und ein Zeitdieb. Aber es waren nur kleine Postkarten zur Freude. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe.
Mit am meisten fasziniert hat mich ihr Buch Ein Tag im Jahr, in dem sie von 1960 bis 2000 immer den 27. September beschreibt. Vierzig Jahre lang.
Irgendwie war Christa Wolf für mich wie ein Fels in der Brandung. Jetzt ist der Fels gesunken. Ihre Bücher bleiben. Wir kramen sie in diesen Tagen wieder heraus. Batti liest Der geteilte Himmel. Ich sammele Schnipsel aus dem Sommerstück auf.

Auszüge aus dem Sommerstück von Christa Wolf

Damals, so reden wir heute, haben wir gelebt. Wenn wir uns fragen, warum der Sommer in der Erinnerung einmalig erscheint und endlos, fällt es uns schwer, den nüchternen Ton zu treffen, der allein den seltenen Erscheinungen angemessen ist, denen das Leben uns aussetzt. Meist, wenn der Sommer zwischen uns zur Sprache kommt, tun wir so, als hätten wir ihn in der Hand gehabt. Die Wahrheit ist, er hatte uns in der Hand und verfuhr mit uns nach Belieben.

Heute, da die Endlichkeit der Wunder feststeht, der Zauber sich verflüchtigt hat, der uns beieinander und am Leben hielt – ein Satz, eine Formel, ein Glauben die uns banden, deren Schwinden uns in vereinzelte Wesen verwandelte, denen es freisteht, zu bleiben oder zu gehen.

Heute scheinen wir keine stärkere, schmerzlichere Sehnsucht zu kennen als die, die Tage und Nächte jenes Sommers in uns lebendig zu erhalten.

Was sehen wir denn, wenn wir die Augen schließen? Ein paar Figuren, hingeworfen auf einen in leuchtenden Farben gehaltenen Grund, darüber ein Himmel, hochgewölbt, tiefblau, wolkenlos, gegen Abend goldgetönt, schließlich nachtschwarz, bestückt mit einer Unzahl von Sternen. Jetzt! schrie alles uns an.

Mitten auf der Wiese der Kirschbaum in seinem unvernünftigen Blütentaumel, das war Ende Mai.

Nie war der Himmel unentrinnbarer in seinem herrischen Blau. Und die Sterne letzte Nacht? Habt ihr das Gefunkel gesehen? Habt ihr gesehen, wie der Abendstern immer größer wurde, je länger man ihn ansah? War dir auch so, als würde er dich in sich hineinreißen? – Solche Fragen stellte Luisa durchs Telefon.

Und hast du keine Angst vor dem Ton, den das Himmelsgewölbe hervorbringen wird, wenn jemand jetzt daran schlägt?Es kann auch sein, daß der Trieb, der uns zusammenführte, stärker war als die Gegenkraft der Zufälle. Dabei waren wir nicht alle verloren wie Steffi, nicht im gleichen Sinn verloren wie sie. Ich war stolz auf mich, schrieb sie an Ellen, daß ich das Ungeheuerliche für mich behalten konnte. Aber man kann eigentlich gar nicht darüber reden, solange man es für möglich hält, denn dann herrscht die große Sprachlosigkeit, und alles geht einen nichts mehr an – oder ganz anders als sonst.

Diesmal wollte sie nichts versäumen. Die Lebenszeit, die Steffi blieb, nahm sie sich vor, wollte sie nicht vergeuden. Ganz dringend will ich dich leben sehen, schrieb sie ihr.

Leben um jeden Preis, … das wollen wir doch alle nicht! Ich lebe, solange ich an Veränderungen glaube.

Ellen schrieb: Es ist doch fast ein Wunder, daß einem immer wieder Kräfte zuwachsen, etwas wie eine Auferstehung zustande kommt. Diesmal hab ichs bei mir nicht hoffen können. Und du bist, im Laufe deiner Auferstehung, schön geworden, glaub es nur.

Die Zeit, sagten wir uns, hat Leuten, die gar nicht dafür gemacht scheinen, Geheimnisse auferlegt.Ein Jahrzehnt, das sagt man so.
Ein Jahrzehnt.
Reden wir noch miteinander? Erreichen unsere Stimmen uns noch? Brauchen wir es
noch, daß sie uns erreichen? Steffis Stimme – haben wir sie
noch im Ohr? Und Bella? Hört sie uns?
Wir haben es nicht halten können.
Man kann es nicht halten. Das ist die Bedingung, man hat sich auf sie eingelassen,
ohne zu wissen, und man vergißt sie, solange es eben
dauert. Was denn. Was dauert. Aber das ist es ja: daß wir nicht danach fragten.
Keinen Namen dafür suchten, das Geschenk annahmen, wie es uns
gereicht wurde, es nicht zerlegen mußten. Daß es uns Lust genug war, früh im Jahr
Weidenstöcke zu schneiden und sie in Eimer zu stellen, bis sie
unter Wasser punktgroße helle Augen zeigten, aus denen sie bleiche fadendünne Wurzeln
trieben…

Der Morgen kam, als sie hinaustraten. War es der Wein, waren es die Tränen – Ellen sah den roten Mond doppelt…

Häuser haben wie Menschen ihre schwachen Zeiten. Häuser können stärker sein als die Menschen, die in ihnen leben und sie halten, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Häuser können schwächer werden als ihre Bewohner und von ihnen Fürsorge und Zuwendung brauchen, eine andauernde Aufmerksamkeit. Bedrohlich wird es, wenn die Schwachzeiten von beiden zusammenfallen.

Jetzt schon? dachte Ellen. Wieso jetzt. Da wollte irgend etwas sich bestätigen. Für irgend etwas war das die Quittung. Wofür, wußte jeder bei sich. Ob wir dir helfen können, Haus. Wir tun unser Möglichstes.

Und noch was: Wenn mal was ist, ich meine, wenn wirklich mal was
sein sollte, dann gibst du Laut, und ich komme dich
beschwestern, ja?

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2 Kommentare

  1. silentio
    Am 15. Dezember 2011 um 22:32 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die letzten drei Zeilen des Sommerstückes haben bei mir einen Flashback ausgelöst. Auf welchem Klappentext habe ich die mal als handschriftliches Zitat gelesen? War das noch in 19300? Vor 12 Jahren?

  2. Am 18. Dezember 2011 um 07:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nie war der Himmel unentrinnbarer … Damals hatte ich mir ja vorgenommen das Sommerstück jeden Sommer wieder zu lesen. Habs nicht geschafft :(

Ein Trackback

  • Von Sommerstück « Ein Tag im Haar am 11. Mai 2012 um 10:46 Uhr veröffentlicht

    […] sehr wichtiges Buch. Verständlich ist, wenn es als „DAS Buch der Bücher“ bezeichnet wird oder „eine Ursehnsucht&#8220 […]

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    Hier schreibt Mirjam Nietz. Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern auf dem Brandenburger Land - einen Fuß breit in Berlin, ständigem Nordweh im Bauch und einer Hand an der heißen Kaffitasse.
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