Glas oder Herz

Sommerbeeren

Unten wächst eine Wunderbuschhecke. Himbeeren, rote Johannisbeeren und fette schwarze Johannisbeeren, die ein bisschen nach Stachelbeere schmecken. Die Kinder gehen den Wunderbusch plündern. Ganz unten, verborgen von Blättern, hocken die größten Himbeeren, die finde nur ich. Weißt du, wie Mäuse Himbeeren essen?
Gelbe Wolke nennt Mini Blondie nur noch Maaama, wenn sie am Waschbecken nach ihr ruft, damit sie das Wasser aufgedreht bekommt. Die Mädchen und Ulis Großer spielen Vater, Mutter, Kind. Wo ist das Auto? Komm nicht so spät von der Arbeit.
Ulis Kleiner krabbelt den Wirbeln hinterher. Der Flur ist lang. Wenn er die drei wieder aufgespürt hat, darf er der Nachbarsjunge sein.

Ihr Spielen erinnert mich an Ferien bei den Großeltern auf dem Holzplatz. Meist zu dritt, unsere Cousine, Muckla und ich. Wir durften in dem riesigen Bauernehebett hüpfen, wir waren Frösche. Das Hühnergelände war die Prärie für uns Steppenindianer. Zu gern bin ich in die winzigen Holzhütten der Hühner gekrochen, von denen es zwei oder drei gab. Sie standen verstreut auf dem Hühnerhof, immer mit frischem Stroh ausgelegt. Und wenn ich mal ein Ei entdeckt habe, war es fast golden vom Glück.
Ich liebe das Grundstück meiner Eltern, auf dem wir Schwestern aufgewachsen sind. Der Hof, die Schuppen, der Garten bis runter zum Fluss. Die Laube, der Birnbaum, unser Puppenwinkel beim Holz und mein Zimmer unterm Dach. Wirklich, mehr kann man sich kaum wünschen. Aber das war eben Alltag. Und deswegen wirbelt Silberstaub um das kleine Häuschen meiner Großeltern. In meiner Erinnerung.
Es war eine Schulstunde weit entfernt von unserem Zuhause. Wenn wir über die Bahnschienen fuhren, fing es an. Dann kamen die zwei orangenen Eisentore zum Holzplatz. Manchmal war das erste Tor verschlossen, dann mussten wir das hintere nehmen. Hier waren wir schon ganz eingesponnen im Holzduft. Der ganze große Platz hatte einen Teppich aus Sägespänen. Zwischen zwei Hallen und einer Hecke ging der Weg zum Großelternhaus und Hof. Am Geländer der Kellertreppe hingen klebrige Petunienkästen. Der Gemüsegarten lag hinterm Hühnerhof. Im Frühsommer gab es Pfirsiche und Glaskirschen wie aus dem Bilderbuch. Beide hellgelb mit roten Bäckchen. Glaskirschen sind bis heute meine Liebsten.
Der überdachte Eingang, wo ich mit Opa am Tisch gesessen und Erbsen ausgepult habe. Rechts die Küche, das Bad hatte zwei Türen, eine ins Schlafzimmer. Vom Schlafzimmer ging es in die Stube, Opa fing die Fliegen mit der Zeitung, und immer, immer der Lederbecher mit Walnussschalen und Apfelschnitzen. Oma hatte Obstboden gebacken.
Davon zu schreiben tut weh. Jetzt ist es schwarz auf weiß vergangen und das Silber wird Staub sein. Es fängt schon an.
Umso schwerer lass ich meinen Blick am Sausen der Kinder hängen. Himbeeren, Kirschen und Sorglossein werden immer und immer neu geboren. Es gibt noch so viel zu erzählen.

okker gokker 2nd seasonhimbärjagdrote pracht

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2 Kommentare

  1. Am 16. Juli 2012 um 23:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ach mein Kaffiknopf, das geht heut aber tief rein……so schöne Erinnerungen und diese Details, mir fehlen die Worte.
    Damals waren wir die Eltern, inzwischen habt ihr uns zu Großeltern gemacht und wir sind es gern, bei 3 so reizenden Enkelmädchen. Zeit mit euch und ihnen ist kostbare Zeit…..
    Genießt eure Kinder und die Kirschen…..

  2. Am 17. Juli 2012 um 22:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Kannst Du nicht mal ein Buch schreiben? Du schreibst so schön, ich würde es sofort kaufen!

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    Hier schreibt Mirjam Nietz. Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern auf dem Brandenburger Land - einen Fuß breit in Berlin, ständigem Nordweh im Bauch und einer Hand an der heißen Kaffitasse.
    Schön dass du dir Zeit nimmst!