Ich hatte auch ein Bullerbü

er sucht den alten lieblingsbaumder zaun ist geblieben
nassgras stapfenschön und leer

Ehrlich wahr. Eigentlich hatte es mein Vater, aber als Ferienkind war ich auch noch ein Teil davon. Ich will die Erinnerung daran unbedingt bewahren. Aufhellen.
Die Fotos sind schon alt, dieser Post hat einen weiten Anlauf hinter sich. Oktober 2012 war ich mit Papa und meinen Mädchen noch mal dort, im herbstlichen „Bullerbü“, tief im Mecklenburger Wald. Drei Häuser und eine Kapelle. Walter, Josef, Rudi – drei Brüder mit ihren Familien – lebten hier.
Ich glaube, mein Vater kennt Astrid Lindgrens Bullerbü gar nicht. Mini Blondie wünscht sich tief im Herzen, an so einem Ort zu leben. Ich kanns so gut verstehen, ein bisschen träume ich auch davon. Vielleicht, weil diese Kinderzeit noch irgendwo in mir steckt. Manchmal schauen Batti und ich nach Häusern mit Wiese dran und immer ist mir daran irgendwas falsch, stimmt etwas nicht. Wenn ich dem auf den Grund gehe, merk ich, dass ich nach etwas suche, was den Grundstücken aus meiner Kindheit ähnelt. Dem Hof und Garten, auf dem ich aufgewachsen bin, dem Holzplatz von Oma und Opa, dem „Bullerbü“ im Wald. Hierhin führte ein schmaler Waldweg und in den Kurven mussten wir hupen, falls ein Auto von vorn käme. Ich glaube es kam nicht einmal eins von vorn, aber wir Kinder sind vor Anspannung jedesmal fast an die Autodecke gegangen.
Das gefrorene Gewässer zum Eislaufen im Winter. Die verschiedenen Wege in den Wald. Der Berg, die Pilze, die Bunker, in denen wir Verstecken gespielt haben. Die Entengrütze, die Sage von der goldenen Wiege. Ich weiß es alles noch. Das Haus meiner Tante Carla, die lustige Anordnung der Zimmer. Die Tür von der Küche über eine Diele direkt zum Stall. Die Scheune, die Tiere, die phänomenale Kräuterküche unter freiem Himmel, die meine große Cousine sich eingerichtet hatte und in der wir mitspielen durften. Auf der Hollywoodschaukel unter reifen Kirschen. Sommerbrise. Der Unterschied zwischen vergangener Wirklichkeit und was in meiner Erinnerung daraus geworden ist.
Wie es meiner Oma hier ging, im Wald, kann ich nur erahnen. Sie kam aus Danzig. Wäre beinahe auf der Gustloff gelandet. Ihre Heimat hat sie nie wieder gesehen. Ihre Heimat hat sie noch oft verloren. Ihr Haus im Mecklenburger „Bullerbü“ ist 1979 abgebrannt. Vom Holzplatz mit dem Häuschen und den köstlichsten Pfirsichbäumen der Welt mussten sie nach der Wende weg. Und so weiter. Ihr Lächeln war wunderschön.
Viele Details habe ich erst nach ihrem Tod erfahren. So gern hätte ich mir alles von ihr erzählen lassen. Ich war zu klein. Sie war keine Frau, die das viele Worte machen brauchte. Von ihrer großen und verlorenen Liebe hat sie in ihren letzten Jahren erst erzählt. Ich habe seinen Namen vergessen. Sie ist wohl die letzte Generation, deren Namen sich nicht im Internet finden lassen. Ich hätte ihr Leben nicht überlebt.
Ihr erstes Kind, Christa, zwei Jahre alt, musste mit Omas Eltern fliehen. Als Oma von ihrer Arbeit kam, wusste sie nicht, wohin sie gegangen waren. Kurz darauf musste sie selber mit der Familie fliehen, für die sie gearbeitet hat. Sie ist in Mecklenburg gelandet. Ihre Eltern mit dem Kind in Dänemark und dann im Schwarzwald. Als Oma ihr Kind wieder nach Hause holen konnte, war es 12 Jahre alt. (Oma, wie hast du überhaupt die Kraft gefunden, jeden Tag aufzustehen, nicht einzugehen?) Dann blieben ihr nur zwanzig Jahre zusammen. Christa ist Mitte dreißig tödlich verunglückt. Sie war Schneiderin. Ich habe sie nie kennen gelernt.
Und wie viele ganz ähnliche Schicksale hat es gegeben. Und wie schlimm.
Am Sonntag wäre Omas Geburtstag gewesen. Ich habe heiß an sie gedacht.
Am Sonntag haben Batti und ich, nach paar Tagen Landreise nach Leipzig und Hamburg, die Mädchen von den Großeltern wieder abgeholt. Ach! Es war so schön mal nur zu zweit — und ich hab sie so vermisst. Unentwegt hab ich ihre Gesichter im Hinterkopf gehabt und der Moment, wo sie endlich wieder vor mir standen (hüpften), hat mich trotzdem umgehauen. Sie waren so groß, so lebendig und wunderschön. Ich hab sie ganz ganz fest gedrückt. Für alle verlorenen Jahre mit.
(Liebste Oma, wir feiern im Himmel nach *)

goosfeldbraunkappenur eine birke im wegtraumwäldchen

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This entry was filed under: Familie
 

5 Kommentare

  1. Am 12. Februar 2014 um 14:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    So warme Erinnerungen. So schöne Bilder.
    So ein Kloß im Hals.

    Danke ❤

  2. uli
    Am 12. Februar 2014 um 15:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    watery eyes. <3

  3. Tulipan
    Am 12. Februar 2014 um 19:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Habe eben erst erfahren, dass Tante Emmi nun nicht mehr ist. Schade. Ich hab als Kleinkind bei ihr oft gespielt, aber leider keine bewusste Erinnerung mehr. Die Zeit dort hat im Herzen meiner Eltern ein ganz besonderen Platz. Danke fürs erinnern.

  4. Tulipan
    Am 16. Februar 2014 um 20:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Soll dir von mummy danke sagen.

  5. Kaffiknopf
    Am 17. Februar 2014 um 14:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

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    Hier schreibt Mirjam Nietz. Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern auf dem Brandenburger Land - einen Fuß breit in Berlin, ständigem Nordweh im Bauch und einer Hand an der heißen Kaffitasse.
    Schön dass du dir Zeit nimmst!