Märzbechertage im Garten

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Der Regen ist da. In den Nächten habe ich ihn gehört. Manchmal prasselt er hier über meinem Kopf aufs Dachfenster. Die dunkle, frische Märzerde bechert das Nass nur so weg. Und ich bechere auch, solange es kühl genug dazu ist, schwarzen Tee. Mir sind die Marshmallows, die ich gerne dazu nasche, ausgegangen. Vielleicht versuche ich endlich mal, welche selbst herzustellen. Die hier mit Pfefferminz sehen so gut aus. Jetzt wo Uli mich in die Kunst der Macarons eingeweiht hat, trau ich mich auch an Marshmallows. Wenn wir dann die Feuerschale einweihen, die Batti gerade besorgt hat, grillen wir ein paar davon. Unser kleiner Holzunterstand hat nämlich nur noch unförmige Wurzeln und Strünke, nichts davon passt in den Stubenofen. Mag sein das wird ein frühes Gartenfest, warum nicht.

Am Freitag waren wir draußen bis zum Regen. Haben Unkraut gezogen, Blumen gepflanzt, ein bisschen am Gras gemäht und in unseren Köpfen haben sich die Pläne überschlagen. Viel Gärntersonne kommt auf unsere Nordseite nicht herum, aber ein wenig mehr als Erdbeeren kann es dieses Jahr ruhig sein. Wo bringen wir das junge Gemüse unter? Die Auswahl ist ja schon relativ groß. Sollen wir ein Frühbeet bauen, bekommen wir nicht doch irgendwo ein Tomatenzelt hin? Am liebsten hätte ich das tropische Pflanzenzelt. Ich wette, da würden sich die Kinder zu gern drin verstecken. Wenn wir über Land fahren, sehe ich in den Dörfern sehnsüchtig den alten Gewächshäusern aus Glas hinterher. So schön! Manchmal werden sogar welche zum selbst abbauen günstig angeboten – aber den Platz dazu, den muss man ja auch erstmal haben. Ich habe irgendwie eine Schwäche für Gewächshäuser – der schwere Duft wenn gegossen wird, die Wärme, und wenn Tomaten an Sommerabenden rot darin prangen … Das ist mein Ding.

Vor ein paar Wochen waren wir in dem Garten, in dem ich meine ersten 18 Jahre verbracht habe. Wir hatten damals ein – jedenfalls fand ich das als Kind – außergewöhnliches Gewächshaus. Und in den Garten ging es so: Links vom Hof führte ein schmaler Torbogen, vorbei am kleinen Gemeindehaus, das neben unserem Haus stand, zum Garten. Vier, fünf Steinstufen runter, aus denen wir im Schnee die besten Schanzen gebaut haben. Zuerst kam mein sehr geliebter Haselnussbaum und eine Holzhackstelle. Dann der Rhabarber. Dann wurde der Garten weit und breit. Links, auf dem Platz der alten Scheune, stand einige Zentimeter über dem Boden ein Gartenhaus. In dem haben wir zu gern gespielt. Es ließ sich abschließen und wir haben immer vorgehabt, es als Gästehaus schick zu machen. Unter einer Plane hockte dahinter eine Wartburgkarosse, unser Kinderauto, untrennbar mit dem Geruch von DDRKetchup verbunden. Eine ganze Menge zum Essen zu alt gewordene Gläser davon war, ich weiß nicht wie, in diesem alten Autowrack gelandet. Super Spielessen.
Links und rechts vom Weg die Obstbäume. Pflaumen, Eierpflaumen, Apfel. Dann der schwarze Brunnen und dahinter Kräuter und das Gewächshaus. Halb in die Erde eingelassen, ziemlich lang, das Dach ein Halbrund und eine Schiebetür. Wir mussten reinklettern. Gewächshaus gießen, das war eine typische Aufgabe für Ela und mich. Ich weiß gar nicht mehr genau, was da drin gewachsen ist, ich glaube, diese weißgelben Paprika gingen gut. Gurken und Kopfsalat wahrscheinlich auch. An Tomaten kann ich mich nicht erinnern.
Als wir eben neulich durch den alten Garten liefen, der sich heute kaum noch mit dem Bild meiner Erinnerungen deckt, und ich den Kindern mein grünes Paradies zeigen wollte, habe ich gedacht, wie groß doch der Garten immer noch ist. Die meisten Dinge, die wir als Kinder groß fanden, sind heute, in Wirklichkeit so klein. Die Zimmer, die Fenster im alten Haus. Die Obsttorten. Aber der Garten, ach, so ein besonderes Fleckchen Erde.
Gegenüber vom Gewächshaus Mamas geliebter Wäscheplatz, dahinter der große Apfelbaum, der das Wort knorrig nur zu genau nahm und an dessen Apfelgeschmack ich mich nicht mehr erinnern kann. Dahinter unser kleines von Papa gebautes Spielhaus, das leider nicht mehr steht. Vor dem kleinen Gärtchen von Sister Sealand der Holunderbusch, der Augustapfelbaum und das hellblaue Wasserfass.
Links die riesigen Johannisbeersträucher, die Beete für Gemüse, das kleine Erdbeerfeld und die Stelle für die Kartoffeln. Noch mehr Erdbeeren und am Wasser – unser Garten ging runter bis zur Elde – der Kompost. Wir konnten als Kinder runter zum Fluss, der Wasserstand war niedrig, wir haben uns einen provisorischen Steg gebaut und gehofft, mal einen Fisch zu fangen. Für mich war dieses kleine Flüsschen immer irgendwie so etwas wie „Weltanbindung“. Für Mama war das, wie sie mir jetzt als Erwachsene erzählt hat, ihr Ort für eilige Stoßgebete.
Ich wünschte, jedes Kind hätte so einen Garten zum Großwerden. Zum Erdbeeren naschen, vorher den Sand abpusten und im Mund die Sonne schmecken, die noch in den den Früchten glüht. Und zum Kartoffelkäfer absammeln, Bohnen ernten und im Gewächshaus stehen.
Süße, sorglose Jahre in denen man sich nie fragt, wie alt eigentlich die Erwachsenen sind … Wie meine Kinder wohl später mal auf ihren Garten zurückschauen werden? Das ist noch lange hin. Ich hoffe mit ganzer Herzkraft dass wir es schaffen ihnen beizubringen, irgendwie, das Kindsein auszukosten. Sich darin breitzumachen wie im größten Kletterbaum, verschwenderisch fröhlich und laut im Lebens-ja.

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2 Kommentare

  1. Am 26. März 2014 um 21:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Oh ja, an all das kann ich mich auch noch gut erinnern! Gut, dass es jetzt mal jemand schwarz auf weiß festgehalten hat. Steht denn das blaue Wasserfass noch? Unter dem großem Apfelbaum hat Papa immer mit uns Weitsprung für die Schule geübt. Aber erst nach dem Äpfel aufsammeln ;)

    Und ich muss auch immer noch an den alten Wartburg denken, wenn mir der Ketschup Geruch mal in die Nase steigt. Wusste gar nicht, dass es dir genauso geht! Da ist uns doch mal ein Glas zu Bruch gegangen… oder wie war das? Lang, lang ist’s her. Das Mucklakind hat mich vor ein paar Tagen zum ersten Mal gefragt wie alt ich bin. Aber an ihren zehn Fingern lässt sich das nur schwer abzählen :)

  2. Am 27. März 2014 um 08:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der dicke Wassertropfen, der auf die hinterste Blüte im letzten Bild geplumpst ist! Hehe….Wenn du die Marshmallows ausprobierst, wär‘ ich mit von der Küchenpartie! Ich wollte schon immer mal dieses Rezept hier austesten: http://www.localhaven.net/blog?tag=DIY

    Und schau dir das letzte Foto von Local Haven Marshmellows an! Da liege die Luftikusse im Kakao oder Kaffee!

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    Hier schreibt Mirjam Nietz. Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern auf dem Brandenburger Land - einen Fuß breit in Berlin, ständigem Nordweh im Bauch und einer Hand an der heißen Kaffitasse.
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